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Against Me

Es war ein großartiger Abend im SO36.  Schon wegen der beiden Vorbands Mobina Galore und Milk Teeth hätte sich der Besuch gelohnt. Punk aus Kanada und aus England. Herrlich einfach und schnöde, kein Rumgezicke auf den Instrumenten. Klarer geht Punk wohl kaum. Dann aber standen sie endlich auf der Bühne: Laura Jane Grace, James Bowman, Inge Johansson und Atom Willard von Against Me. Ich hatte die Band aus Gainesville/Florida zuletzt 2014 in Tempe/Arizona als Support von The Gaslight Anthem gesehen. Ich kannte sie vorher schon, auch aus der Zeit, Lara noch Tom (Gabel) war. Nicht jedoch live, Tempe war die Premiere für mich.  Und damals stand fest: Das nächste Konzert in Deutschland darf ich nicht verpassen. Nachdem ich dann auch noch das neue Album Shape Shift with Me (eine „Transperspektive“ auf Liebe und Sex) gehört hatte, war klar, dass ein Konzerbesuch Pflicht sein würde. Und es kam wie erwartet: Laut, schrill, grandios. Transgender Laura & Kollegen hauten einen Song nach dem anderen von der Bühne, neue Songs, alte Hits mit dermaßen viel Power und guter Laune, dass das komplette SO36 ausflippte. Ich hab (leider nur) mit dem Handy einen Klassiker aufgenommen. Und für alle, die weder Sängerin Lara noch Tom kennen, hier die Version, als Lara noch als Tom auf der Bühne und im Leben stand:

 

 

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Wär er doch in Düsseldorf geblieben oder 30 Jahre ohne Mauer sind genug

In München müssen Biergärten schließen, in London werden ganze Kneipen geschlossen und abgerissen. In Berlin muss ein Klub nach dreißig jahren dicht machen. Nur weil sich ein Nachbar gestört fühlt. An den Gesprächen der Gäste, an den Geräuschen der Autos, an der Lautstärke der Musik. Jeder, der schon einmal wegen solchen Lärms nicht schlafen konnte, wird dies verstehen.

Was man jedoch nicht verstehen kann, ist, warum solche Leute dann in die Nähe von Kneipen oder Klubs ziehen? Warum sind sie nicht draußen geblieben? In ihren Einfamiliendoppelhaushälftenhäusern auf ihren Käffern in Schwaben oder Brandenburg? Dort, wo sich Fuchs und Einöde Gute Nacht sagen. Wo die Bürgersteige, falls vorhanden, pünktlich um 19 Uhr hochgeklappt werden. Da, wo es schön ruhig ist. Wo man den Nachbar hinterm Drei-Meter-hoch- und- einen-Meter-tief-Sicherheitszaun husten hört.

Oder vielleicht kommt der Nachbar des SO36 auch aus Düsseldorf. Aus so ner Nobelgegend am Stadtrand. Hat nen Manager-Job in Berlin bekommen. Und ne Wohnung in Kreuzberg. Weil´s in ist. Weil man hier die Stadt spürt. Den heißen Atem Berlins. Aber dazu gehört auch die Szene. Inklusive Punkschuppen, Konzerthallen, Musikklubs. Aber sowas gibt es wohl nicht im noblen DDorf. 

Das SO36, worum es hier geht, wird jetzt 30 Jahre alt. Seit 30 Jahren gibt es hier, mitten in Kreuzberg, Punk, Metal & Rock. Eins gab es sogar Politkrawalle. Immer noch ist das SO36 ein Klub mit Haltung. Links, antirassistisch, antisexistisch, antihomophob. Zu lesen gleich am Eingang. Hier gab es sagenumwobende Konzerte von Bands wie Die Toten Hosen, Einstürzende Neubauten und Festivals wie „Berlin Atonal“. 1983 gab es ein Zwischenspiel als türkisches Hochzeitshaus, dann die Besetzung durch das Kulturzentrum „KuKuck“, 1987 dessen Räumung und seit 1990 die Wiedereröffnung durch den Verein SO36. Ein Klub also, wie es ihn  kaum ein zweites Mal gibt.

Und der muss jetzt wegen der Beschwerden eines Hinzugezogenen schließen. Weil er durchs Küchenfenster störenden Lärm hört. Durchs Küchenfenster! Der Klub hat ein Schallschutzfenster angeboten. Oder ne andere Wohnung. Abgelehnt. Nun müssen die Klubber 80.000 Euro für ne Schallschutzmauer aufbringen. Die sie nicht haben. Denn solch ein gemeinnütziger Verein darf ja keine Rücklagen bilden. Ohne Mauer gibt´s Konzerte nur noch in Zimmerlautstärke. Dann kann der nette Nachbar sein Küchenfenster offen lassen und mithören. Allerdings bezweifle ich, dass jene(r) NachbarIn auch nur eine Band kennt, die im SO36 spielt oder jemals gespielt hat.