Deutsche Post. Kein Sommermärchen

Ich dreh mich noch einmal um, bevor ich dran bin. Doch da ist nichts Auffälliges zu sehen. Ich seh an mir herunter, checke meine Kleidung: dem Wetter angemessene Shorts, Sandaletten sowie mein rot-weiß gestreiftes Hemd. Alles wie immer also bei solchen Temperaturen. Ich komme gerade aus dem Schwimmbad, bin also frisch geduscht und somit in der Lage, anderen Menschen gegenüber zu treten, ohne sie mit Gerüchen zu belästigen. Meine Hand streicht kurz über den Kopf – auch meine Haare sind wie immer, sie stehen also nicht ab und ich habe mir auch beim Schwimmen keinen Irokesenschnitt geholt. Ganz nebenbei werfe ich noch einen Blick zur Seite, wo sich mein Ebenbild  in einer Glastür spiegelt – ich kann jedoch nichts Ungewöhnliches entdecken. Die Frau hinter mir lächelt, der Typ daneben sagt keinen Mucks. Ich selbst mache auch ein Schönwettergesicht, bin gut drauf, bei bester Laune. Ich frage höflich und dezent nach den Preisen für ein Einschreiben mit Rückschein und für ein Einwurfeinschreiben ohne Rückschein, neige dabei fragend leicht den Kopf und lächele wieder.

WARUM ALSO GUCKT MICH DIE POSTFRAU HINTERM TRESEN AN, ALS HÄTTE SIE EIN VOLLPFOSTEN IN STINKENDENR KLEIDUNG MIT DEM TODE BEDROHT?

Sprachprekariat im Freischwimmbad

Freibad Seestraße, Berlin Wedding. Bei diesen Temperaturen ist das Bad schon am Morgen recht gut gefüllt. Im Becken die Schwimmer, die jeden Morgen hier ihre Bahnen ziehen. Neben dem Becken die Schwimmmeister und Rettungsschwimmer, die jeden Morgen dort sitzen.  Auf zwei, scheinbar mitgebrachten, Klappstühlen sitzen zwei Herren ungewissen Alters (der eine vielleicht 35, der andere eher 50) in Badehosen und halten ihre Hartz-IV-Büchsenbierbäuche in die Sonne. Sie unterhalten sich über zwei Mädchen, die auf den Grün- und Rasenflächen arbeiten. Die Mädchen jäten, harken und säubern die Grünflächen. Sie sind schätzungsweise 16 oder 17 oder 18 Jahre alt, also in der Ausbildung oder im Schülerpraktikum.  Zwischen den beiden Herren, ich will sie hier Sprachprekariat I (SPK I) und Sprachprekariat II (SPK II) nennen, entspinnt sich folgendes Präkariats-Gespräch:

SPK I: Siehste ditte?

SPK II: Wat?

SPK I: Die da mit die Harke?

SPK II: Die da dit Gras sauber machen tut?

SPK I: Jenau die.

SPK II: Seh icke.

Pause.

SPK I:  Nu stell Dir mal vor, Du hättest dit mit die Arbeit jemacht.

SPK II: Wat. Mit die Arbeit?

SPK I: Na dit mit die Bewerbung. Wo Du vonne Jobcenta dit Briefschreiben hast. Weeste nich mehr?

SPK II: Ach so.  Wose mir Arbeit andrehn wolltn. Penna.

SPK I: Denn würdste jetze da drüm stehn und den Rasen sauba machen tun.

SPK II: Penna.

Pause.

SPK I: Keen Bier. Nur schuftn.

SPK II: Die Penna vonne Jobcenta ham sich einjebildet, ick würde mir bewerbn jehn. Penna.

SPK I: Haste aba nich.

SPK II: Bin ja nich behemmat. Penna. Jefälscht. Wie imma. Hat keena jemerkt nich.

Pause.

SPK II: Solange die Alte putzen jehn tut,  is allet schön.

SPK I nickt.

SPK II: Kiek ma. Jetze müssen die och noch mit den Müll rummachen.

SPK I: Ekelhaft. Drecksarbeit.

SPK II: Aba ohne uns.

SPK I: Penna.

SPK II: Jenau.

Janz scheen frisch, wa?

Sie hat begonnen: Meine liebste Jahreszeit, die Freibadsaison. Heute morgen mit einem Sprung ins kühle Nass wollte ich sie eröffnen. Im Prinzenbad Kreuzberg. Das mit dem Sprung hab ich nach einem Temperaturtest mit den Zehen dann doch gelassen. Sie hatten am Eingang nicht gelogen. Das Wasser im Sportbecken war wirklich 15 Grad kalt. Gut, man hätte auch im Merhzweckbecken (dem sogenannten Mädchenbecken) bei 25 Grad schwimmen können. Aber das kann ja jede(r). Also ab ins Sportbecken. Und ich muss zugeben: die ersten 200 Meter waren der Hass. Der Körper wehrte sich gegen das, was da um ihn herum war. Nichts als Kälte. Den Kopf eintauchen? Ging gar nicht. Oder, um es mit den Worten des Bademeesters zu sagen: Janz scheen frisch, wa? Aber ab der fünften Bahn war dann alles schön. Fast schon warm. Und nach 500 Metern war es dann der eine Spaß. So, wie es sein soll. Und wie kalt es auch gewesen ist, eines kann ich im Mädchenbecken nicht haben: ein ganzes Schwimmbecken für mich allein. Schon deshalb war es der perfekte Start in die Saison.

Und es war Sommer

Die einen sagen Endlich warm. Andere Endlich Sommer. Seit ein paar Tagen hat uns nun die Sonne im Griff. Ob beim Public Viewing, beim Bloggen auf dem Balkon oder beim Rasen mähen im Garten (ich sähe jetzt aus, wie ein Kubanischer Freiheitskämpfer, sagt meine Frau). Sie ist da, die Sonne und sie brennt auf uns hernieder, als ob es schon im nächsten Monat Winter werden würde.

Dabei war doch der Juni schon so herrlich. Sagen die Statistiker. Laut den Datensammlern vom Deutschen Wetterdienst nämlich war der Juni trocken und warm. In Berlin. Mit 18,1 Grad Celsius Durschnittstemperatur war die Hauptstadt die wärmste der Republik. Geregnet hat es schon lange nicht mehr so wenig. In Dahlem fiel zum ersten Mal weniger Regen als 1883. Ein neuer Minus-Rekord. Und überhaupt seien alle Werte über dem „vieljährigen Mittel“ gewesen, sagt der Deutsche Wetterdienst.

Nur hat es, wieder einmal, keiner gemerkt. Der Juni? Der war kalt. Und regnerisch. Gefroren haben wir, vor drei Wochen beim Griechen. Kalte Nächte, Wolken verhangene Tage. So, und nicht anders, war der Juni. In Berlin. Nein, ganz falsch. Im vorigen Monat wurde aus einer zunächst eher durchschnittlichen Sonnenscheinbilanz dann doch ein sehr sonnenscheinreicher Monat mit durchschnittlich 246 registrierten Stunden (Schnitt 198 Stunden), entsprechend 124 Prozent des vieljährigen Klimamittels.

Selbst Sachsen-Anhalt, mit seinem Regenort Halle Neustadt, meldete laut DWD einen Temperaturdurchschnitt von 16,8°C (Schnitt 16,1°C). Niederschlag fiel im Mittel 20 l/m² (66 l/m²) und die Sonne schien 286 Stunden lang (Schnitt 198 Stunden). Mit diesem Wert  war Sachsen-Anhalt im Ländervergleich das sonnenscheinreichste Bundesland.

Na bitte, geht doch. Allen war es kalt, aber die Statistik will uns eines Besseren lehren. Der Juni war angeblich einfach nur herrlich. Da soll sich noch einer wundern, dass keiner mehr an Statistiken glaubt. Aber die konnte man ja schon immer so und so interpretieren. Ich freu mich jedenfalls schon jetzt auf die Statistik vom Juli. Der wird dann sicher zu kalt und zu nass gewesen sein.

Ein wenig Duft wie Sommer

Gestern auf dem Weg nach Hause, mit dem Fahrrad. Ein Duft in der Luft. Ein wenig Blütenduft, irgendwo war ein Grill an, dazu der frische Wind von der Spree herauf. Was ist das, wie riecht das? Ein wenig wie Sommer, dachte ich so bei mir. Endlich. Da ist der Spargel nicht mehr weit, die Erdbeeren. Das Hefeweizen im Biergarten ist sogar schon da.

hufruh

Frühlings-Morgen am Berliner Humboldthafen, mit Charité und Fernsehturm

Endlich

Wie haben wir wieder einmal gewartet, gehofft und gebetet. Wie oft haben wir den Winter verflucht. Haben nach der Sonne flussauf- und flussabwärts gesucht. Dunkle Tage, lange Nächte. Nasskaltes Wetter, der Regen, die Hagelschauer. Der eisige Wind, Matsch auf den Straßen, das trübe Licht den ganzen Tag. Ein wirklicher Winter war es ja doch nicht. Schnee nur einmal ganz kurz. Der Rest eine Zumutung. Eine Zumutung in schwarz-grau.

Doch nun ist er endlich da. Der Frühling, die Sonne, das Licht. Auf dem Balkon sitzen den ganzen Tag. Und sogar am Abend schon. Die Laune startet durch. Von (weit unter) null auf einhundert. Endlich.