Was mich wirklich nervt

Wissen Sie, was mich wirklich nervt? Was mir Angst macht? Nein, die Hochzeit des englischen Prinzenpaares nicht. Solln sie doch. Ich muss ja nicht zum Public Viewing gehen. Und eingeladen bin ich auch nicht. Ja, meine Nachbarn wollen am Freitag wohl vor dem Fernseher sitzen. Zum Public-Wedding-Viewing. Es soll aber auch noch ein paar Biergärten und Kneipen geben, die kein TV haben. Ja, wirklich.

Sarrazin? Nö, der nervt mich auch nicht. Höchstens das Thema Sarrazin. Und die SPD. Und die ganzen verlogenen SPD-Wähler. Die endlich ein Thema gefunden haben, übner das sie reden können. Weil sie sonst nichts zu sagen haben. Die nun ihre ach so sozialdemokratische Partei nicht mehr wählen wollen. Und dann doch ihr Kreuz heimlich in der Kabine wieder dort machen, wo sie es schon immer gemacht haben. Dass ich nicht lache. Sozialdemokratisch, wie es im Statut steht, sind die Damen und Herren schon lange nicht mehr. Das bezweifeln Sie? Sei Ihnen gegönnt.

Wie bitte? Ich? Nein, ich habe mit denen nichts zu tun. Das einzige, was mich mit der Partei verbindet, ist meine alte Wahlheimat Erfurt. Ja, Erfurt. Ach, das wissen Sie nicht? Sie als SPD-Wähler sollten das aber wissen. Ach, Sie sind gar kein SPD-Wähler? Ach so, Sie waren mal einer. Also auch einer von den Bevor-Thilo-Sarrazin-Sein-Buch-Veröffentlichte-SPD-Wähler. Die kann ich ja besonders gut leiden. Wie auch immer. Erfurt sollte Ihnen schon etwas sagen. Erfurter Parteitag? Kaisersaal 1891? Immerhin 120 Jahre her. Nichts? Dann kann ich Ihnen auch nicht helfen. Aber Bebel, Liebknecht, Ebert sagen Ihnen schon etwas, oder? Na, da bin ich aber beruhigt.

Ob ich das mit Scientology gelesen habe? Warten Sie. Scientology, Scientology. Das war doch dieser seltsame Verein aus Amerika. Der seit Jahren versucht, in Berlin Fuß zu fassen. Richtig. Scientology. Die hatten früher auch mal Werbe-Stände am Kudamm stehen. Aber das ist lange her. Interessiert ja auch niemanden. Sie schon? Na, wenn Sie meinen. Gefährlich? Sekte? Beeinflussung? Verfassungsschutz? Hören Sie, wie gefährlich kann denn eine Sekte schon sein, die in einer Drei-Millionen-Stadt 100 Mitglieder hat? Jeder Kaninchen-Züchter-Verein hat mehr Mitglieder. Jede Dart-Spielgruppe hat mehr Einfluss als dieser lahme Haufen Geistesverwirrter. Sie sind da anderer Meinung? Auch das sei Ihnen gegönnt.

Aber Sie wollen nun wirklich wissen, was mich nervt? Was mir Angst macht? Kann ich Ihnen sagen: Leute wie Sie.

Probleme? Postbank und deutsche Frauen!

Manchmal bekomme ich Angst. Pure Angst. Mal abgesehen von so manchen politischen Entscheidungen dieses Landes und dieser Stadt, mal abgesehen vom Verfassungsschutz und von Internetüberwachung. Abgesehen von prügelnden und schießwütigen Polizisten, von aberwitzigen Entscheidungen überbezahlter Manager. Abgesehen von Überwachungsstaat, Musikantenstadel und Volksmusik. Abgesehen von rechten und linken Radikalen, von Dummen und Doofen, von Frauentausch und Lena Meyer-Landrut. 

So richtig Angst bekomme ich, wenn mir Briefe wie folgender zugespielt werden. Namen und hinweisdienliche Pasagen habe ich ge-xxxxx(t).

Liebe Spandauer/in, liebe Berliner/in!

Mein Name ist Xxxxx Xxxxxx. Ich bin seit dem 1.08.1988 Leser dieser Zeitung! Ich bin seit dem 1.12.1994 Mitarbeiter der Berliner xxxxx und seit dem 1.10.2004 Mitglied der Spandauer SPD. Außerdem nin ich letztes Jahr 50 geworden. Leider, gibt es immer noch Genossen/in die der Meinung sind, daß, ich Xxxxx Xxxxx, ein Alkohol Problem habe. Dies ist aber nicht der Fall. Ich habe eine amerikanische Schulausbildung und eine deutsche Berufsausbildung. Ich habe auch eine gescheiterte Ehe, mit einer Thailänderin hinter mir und eine Gescheiterte Verlobung einem meiner High School Mitschülerin. 

Normalerweise sind das genug Gründe um sich umzubringen! Ich habe mich aber für das Leben entschieden. Mein Hausarzt, Herr Doktor Xxxxx, kann jeder Zeit bestätigen, daß ich, Xxxxx Xxxxx, ein gesunder Mensch bin. Meine einzigen Probleme sind 1) die deutsche Postbank und 2) die deutschen Frauen. Daher, sehe ich mich gezwungen mit meinen Problemen an die Öffentlichkeit zugehen.

Noch eins, ich habe vor mindestens 100 Jahre altzu werden, endlich Papa zuwerden und eines Tages ein VIP von Spandau zu sein. Ich hoffe Ihr versteht mich jetzt, und daß, wir uns vielleicht am 29.08.10 beim Sommer Fest der SPD in Spandau Kennenlernen werden. Bis dann, Euer, Xxxxx Xxxxx, Don Xxxxx

Bahn sechs, kurz nach sieben II oder Herbert hat gewählt

„Dit war der Herbert, dit sach ick dir!“, sagt Irmgard zu Trudchen. „Herbert? Wieso Herbert? Und wat meinsten übahaupt“, fragt Trudchen Irmgard. Die beiden Berliner Seniorinnen sind wie jeden Morgen im Stadtbad. Hier darf man vor acht zum Sonderpreis schwimmen. Oder, wie Irmgard und Trudchen es tun, im flachen Wasser stehen, ab und zu die Arme darin bewegen, und ansonsten Tratschen was das Zeug hält. Wie auch heute morgen wieder.

Ich hatte sie wegen der Sommer-Freibadsaison lange nicht gesehen. Sie haben sich nicht verändert seit dem Frühjahr. Beide haben immer noch ihre Perlenkette während des „Schwimmens“ um, beide tragen ihre lila-gelben Badekappen. Und ihre Badanzüge Marke „ein bis zwei Nummern zu klein“. Und beide blockieren wie ehedem Bahn sechs. Frau Stadtrat und ihre beste Freundin.

„Nu pass ma uff. Herbert hat beim letzten Kränzchen erzählt, dass er bei der nächsten Wahl es denen da oben mal so richtig zeigen will. Und abwähln will er den janz oben“, sagt Irmgard. „Na dit gloob ick jetze nich“, ereifert sich Trudchen. „Herbert? Der stammt doch praktisch von de Demjokraten ab? Großvata Demjokrat, Vata Demjokrat, Bruda Demjokrat. Der is doch praktisch jesehn mit Brandt uffjewachsen. Und Ernst Reuta war sojar n entfernta Nachbar von Herbertchens Mutta. Da musste dir irren, Irmjard.“

„Wat weeß ick denn, wie Herbert uffjewachsen is. Ick hab ja nich so´n enget Vahältnis mit dem wie manch andre Anwesende hier“, pariert Irmgard mit spitzem Mund. „Na, na, nu werd ma nich gleich komisch. Dit eene mal wirste mir jo wohl nich ankreiden wolln, wa? Und außadem, sind wa immahin n freiet Land. Da kann Herbertchen ja wohl wählen, wat er will“, erwidert Trudchen. Irmgard taucht langsam bis zum Hals ins Wasser, langsam wieder auf. „Nee“, sagt sie dann bestimmt, „mit so ne Familje kannste eben nich wähln, wat de willst. Jedenfalls nich die, wo ick gloobe, dass er die jewählt hat.“

„Wat gloobste denn, wat Herbert jewählt hat“, fragt Trudchen und taucht ganz langsam bis zum Hals ins Wasser, und langsam wieder auf. „Na die von drjüm“, antwortet Irmgard, „die vonne Es-Eh-Deh-Nachfoljer. Dit hatter doch imma ma wieda jesacht, dat die ja nich so schlimm sein solln.“ Trudchen schaut Irmgard an, zeigt mit ihrem rechten Zeigefinger an ihre Stirn. „Na dat is ja wohl die Höhe. Herbertchen is doch keen Kommjuniste. Dat is n ausjewiefter Demjokrat. Basta.“

„Ah, kieke ma, wer da kommt. Uns Herbert. Na, Herbertchen, wat haste jewählt am Wochenende“, fragt Irmgard, als Herbert langsam, ganz langsam, ins Schwimmbecken steigt (wie eh und je mit seiner superengen Mini-Badehose im Tigerlook). „Madam hier neben mir gloobt nämlich, Du hast die von drjüm jewählt.“

Herbert schaut beide fragend an und sagt: „Ick weeß ja nich, wat ihr hier schon wieda tratscht. Aba eens kann ick Euch sajen: Mein Ziel ha ick erreicht. Am Samstach ham wer den Vorstand vonne Skatbrüda abjewählt. So, wie ick dit mir vorjestellt hatte. Der olle Justav konnte ja schon nich mehr zwischen Re und Kontra untascheidn. Und Sonntach? Na die Demjokraten natürlich. Wat denn sonst – bei meene Familje.“

„Ja, wat, wie…“ Den Rest höre ich nicht mehr, denn ich habe ja noch zehn Bahnen vor mir. Und die Zeit ist knapp. Schließlich muss auch ich um acht draußen sein.