Geile Frage, keine Antwort

Es nervt mich schon lange, heute ist es mir aber wieder einmal so richtig bewusst geworden, weil es unter wenigstens zehn Posts als Kommentar stand, nämlich das, was mich am Neu-Deutsch am meisten nervt: Fragen, die eigentlich Aussagen darstellen. Warum macht man das? Klar, weil es gerade „in“ ist. Aber wer ist darauf gekommen? Man könnte annehmen, es stammt aus dem Sprachprekariat. Da passt es jedenfalls hin. Jedenfalls nervt es. Mich jedenfalls. Kann man als Kommentar unter irgendetwas nicht einfach schreiben: Das ist geil. Das ist schön. Das ist gut. Find ich gut. Oder von mir aus auch Das geht! Aber diese blödblöde Fragestellung Wie geil ist das denn? ist dermaßen un-geil, dass sie an Blödheit kaum zu überbieten ist. Und die meisten Fragesteller merken es nicht einmal. Sie reden den Schwachsinn daher, ohne nachzudenken. Aber so ist das eben. Angepasst würde das jetzt heißen: Wie blöd ist das denn? Ganz schön blöd. Musste ich mal loswerden. Nicht blöd.

¿Que has hecho este fin de semana?

¿Que has hecho este fin de semana? Was hast Du am Wochenende gemacht? Ja, woher soll ich denn das wissen? Ich meine, ich weiß, was ich am Wochenende geamcht habe. Samstag gefaulenzt, Mittagessen bei Schwiegermutti und Sonntag war ich arbeiten. Aber das ganze jetzt auf Spanisch. Schließlich sind wir im Spanischkurs am Instituto Cervantes Berlin. Kurs 2.1. Da sollte man auf diese Frage schon eine Antwort wissen. Ich wusste sie nicht. Schon gar nicht im Perfekt. Oder war es das Imperfekt? Wie auch immer. Nach ein paar heimlichen Eingaben bei Leo übers Smartphone und ein kurzes Illern im Wortschatz hatte ich dann doch noch eine Antwort parat. Hecho quedarse en casa. Hacer muchos cosas. Comido en la casa de suegra. Naja, so ungefähr jedenfalls.

Jedenfalls ist das Stichwort. Jedenfalls geht es nun ans Eingemachte, wie man beim Obst einwecken so schön sagt. Die Grammatik hat uns nun eingeholt, bzw. überholt. Denn was bisher noch ein Spaß und mit einem Augenzwinkern sowie dem Blick ins Wörterbuch zu wuppen war, geht nun nicht mehr. Jetzt wird´s ernst, könnte man auch sagen. Vor mir die Hausaufgaben für die nächste Woche: En el bolso sigunas personas encontrar de todo. Observa todas etas cosas del bolso de Lucia y escribe lo que ha hecho esta semanas. Luego escribe lo que hecho el resto del mes. Recuerde que hoy estamos a 23 de abril, viernes. ¿Todo claro? Muy bien! Mir nämlich nicht.

Balencia? Hasta la Bista?

Morgen ist es wieder soweit. Die nächste Spanisch-Stunde steht an. Bei Veronica. Oder Beronica? So genau hat das noch keiner von uns begriffen, aber wir stehe n ja auch noch am Anfang unseres Kurses. Nun gut, die vierte Dreier-Stunde ist morgen doch schon. Und während ich versuche, die Hausaufgaben (deberes) zu erledigen, muss ich immer wieder an das V und das B denken. Denn laut unserer Lehrerin ist das im Spanischen egal, beides wird wie ein weiches B ausgesprochen. Nun, habe ja nix dagegen.

Allerdings klingt Hasta la Bista oder Balencia doch ganz schön doof. Oder? Und so habe ich heute einfach in der U-Bahn eine Touri-Gruppe angesprochen, von der ich meinte, es seien Spanier. Es waren Spanier. Und die erklärten es mir dann: Das B müsse man weich aussprechen. Eher wie ein W. Aber eben nicht ganz so weich. Wir Deutschen würden das aber eh eher selten hinbekommen, weil wir ja mit dem harten B wie bei Buch oder Binnenschifffahrtsamtswegweiser oder eben Berlin aufgewachsen wäre. Ich sollte mir aber kien Gedanken machen und immer mal wieder versuchen, einen Buchstaben zwischen B und W zu finden. Das wäre dann wohl richtig.

Ich staunte nicht schlecht, dass die Spanier mir das so gut erklären konnte und fragte deshalb gleich mal nach, was sie denn so tun würden: Cual es su profesion? Und da hatte ich die Erklärung: Lehrer, die in Spanien u.a. auch Deutsch unterrichten. Soy profesora idioma (ich unterrichte Sprache). Und auch auf die Frage nach der Herkunft in Spanien (De donde es usted) wurde beantwortet: De Valencia, oder so ähnlich. Und da war es wieder, das spanische V, das irgendwo zischen B und W liegt. Ich werde es weiter suchen.

In der Sprache, die sie verstehen

Wer in Deutschland lebt, muss mit ihnen leben. Mit den Ämtern. Ohne sie wäre alles viel schöner, einfacher vor allem. So zumindest die landläufige Meinung. Lange Wartezeiten, unfreundliche Beamte und vor allem Inkompetenz lehren einem das Fürchten vor dem Gang zum Amt. Alles Lüge. Wirkliche Schuld an den Wartezeiten und allem anderen haben nicht die Ämter, sondern die Bürger.

Bürgeramt Pankow, Rathaus, Breite Straße. Kur nach 9 Uhr. Ich geh hinein, frage am Infotresen nach dem Weg, ziehe eine Wartenummer. Es ist die 132, auf der aktuellen Anzeige leuchtet die 128 als letzte Nummer. Also noch drei vor mir, sollte schnell gehen. Ging es dann auch. Aber zwischenzeitlich spielten sich Dramen ab.

Zuerst kam eine Frau, Mitte 20. Sie erfuhr am Infotresen, dass sie sich eine Nummer ziehen und dann im Wartsaal Platz nehmen soll. Direkt neben der Tür hängt ein Wartenummerndruckundauswurfautomat, oder wie das Teil auch immer heißen mag. Ein dicker, fetter, roter Pfeil zeigt auf eine Taste: HIER NUMMER ZIEHEN. Die junge Frau guckt etwa drei Minuten lang den Automaten an. Von oben, von der Seite, von unten. Dann drückt sie auf verschiedene Stellen: Auf das Schloss an der Seite, auf ein schwarzes Feld in der Mitte, auf ein Scharnier, und auf noch etliche andere Stellen. Nur nicht auf die Taste, worauf der dicke, fette, rote Pfeil zeigt. Die Warteschlange derer, die sich eine Wartenummer ziehen wollen, wird inzwischen immer länger.

Der Mann hinter der jungen Frau zeigt ihr dann, wo sie draufdrücken muss. Da sie es scheinbar immer noch nicht kapiert hat, nimmt ER sich den ausgedruckten Schein mit IHRER Wartenummer. „Eh, dit is aba meine Nummer“, kreischt darafhin die Frau. „Wat kann ick dafür, dat sie zu doof sind“, erwidert der Mann. „Na hörnse ma, dit muss ick mir nich jefalln lassen. Jebense mir jefällichst die Numma.“ Der Mann gibt ihr die Nummer und zieht sich, per Druck auf die Taste mit dem dicken, fetten, roten Pfeil, eine nächste Wartenummer. Die Frau geht. Nicht aber in den Wartesaal, wo an der Wand die Anzeigetafel hängt. Wo demnächst auch ihre Nummer erscheinen wird. Die Frau geht in Richtung der Bürgerbüros und klopft an eine der erstbesten Türen. Weil dort keiner antwortet, geht sie weiter und verschwindet aus dem Blickfeld.

Auf der Anzeigetafel leuchtet indessen die Nummer 131, eine vor meiner. Doch das Blinken der Anzeige scheint im Wartesaal niemanden zu interessieren. Die wenigen, die da sind, gucken auf dem neuen Flachbildschirm an der Wand ntv. Das Deutsche Fußballfrauenteam wird gerade gefeiert. Durch Zufall entdecke ich, dass der Herr neben mir die 131 hat. „He, Sie sind dran“, sage ich und tippe ihn leicht auf die Schulter. Er sieht sich sichtlich genervt nach mir um und sagt: „Was Du von mir wollen? Bin isch dran? Was bin isch dran? Du Problem?“ Ich wiederhole noch einmal: „Ihre Nummer leuchtet da oben, Sie können jetzt ins Zimmer 58 gehen.“ Doch der Mann (mit südlichem Akzent, um es politisch korrekt auszudrücken), kümmert sich nicht um mich oder seine Nummer. Er glotzt weiter ntv.

Nun gut, denke ich, dann bin ich ja gleich dran. Und dann leuchtet sie auch schon auf, die 132. Ich will gerade aufstehen, da drängelt sich Mister „Bin isch dran“ an mir vorbei und geht vor mir in die 58. Um ein paar Sekunden später wieder herauszukommen. „Scheise hier, alles scheise hier“, brabbelt er vor sich hin und drängelt sich wieder an mir vorbei. „He, was kann ich denn dafür“, frage ich ihn und ernte folgende Antwort: „Meine Familie isch, Du kannst nisch, meine Familie und isch, dann Du sehen wirst.“

Okay. Ich bin dran, geh rein und bin schon nach drei Minuten wieder draußen. Mit allen Formularen, die ich wollte. Auf dem Weg nach draußen sehe ich eine Traube Menschen vor dem Wartenummernautomat stehen. Lautstark wird diskutiert, ob man denn nun eine Nummer braucht oder nicht, wer denn zuerst dagewesen sei und ob es sich überhaupt noch lohne, eine Nummer zu ziehen.

Während im Wartesaal schon Nummern blinken könnten, die noch gar nicht gezogen sind. Denn der ist fast leer. Nur die junge Frau, die vorhin weder die Taste noch den Wartesaal gefunden hat, sitzt und wartet. Ich gehe lieber und denke mir: Vielleicht sollte man es wieder so machen wie früher. Ein Schalter, eine Schlange, und ein Beamter, der die Sprache spricht, die sie verstehen: Der Nächste Bitte!

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Bürgeramt Pankow: Nummer verpasst weil ntv geglotzt.