Stammtisch-Satire

kommentare_stasi_opEs ist doch immer wieder schön, wenn (meine) Stammtisch-Satire die Biergläser erklingen lässt und so mancher Mitbürger der Meinung ist, das wäre alles keine. Der macht ja gar keine Witze. Der meint das alles ernst. Das ist alles so gar nicht erfunden. Das stimmt ja alles und überhaupt.

Doch so ist es eben nicht meine Damen und Herren. Alle Jahre wieder muss ich das dementieren. Was immer wieder belustigend ist. Besondere Aufmerksamkeit bitte ich jetzt bei den Menschen S. und M.S.! Ich gebe zu: Ich habe alles erfunden. Alles Satire. Natürlich hat jede Satiere, und somit auch meine, einen ernsten oder halbernsten oder nicht ganz so ernsten oder überhaupt einen Hintergrund. Wo sollte sie sonst auch herkommen, die Satire. Muss ja irgendwo existieren. Komplett erfundene Geschichten sind keine Satire. Können keine sein. Ich kann Ihnen versichern, dass der Stammtisch OE so nicht existiert. Auch das Lokal habe ich mir ausgedacht, die Wirtin und alle Beteiligten. Und noch eins, Herr S.: Ich hatte zwar irgendwie mit der Stasi zu tun. Jedoch nicht, wie Sie sich das vorstellen (siehe unten).

stasi_akte_auszug_002Da gibt es übrigens eine Gemeinsamkeit: Auch damals schon gab es Leute, die so einiges verwechselt haben: Zu jener Zeit kannte man wohl den Unterschied zwischen Aufregung und Erregung nicht (was für ne arme Socke). Aber kein Grund zur Aufregung. Ist lange her. Eins steht aber auch fest: Das damals war keine Satire. Im Gegensatz zum Stammtisch Operativer Einsatz.

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Operation Heraklion

lada_taiga_01a„Haste Ouzo jeholt?“, ruft Walter schon an der Tür in Richtung Tresen, als er das Lokal „Frohe Aussicht“ in Marzahn-Hellersdorf betritt. Wirtin Karin nickt ihm von Weitem zu. „Klar, habter doch letzte Woche bestellt. Also hab ick Ouzo  jekooft. Sojar drei Sorten. Könnter gleich testen“. Walter Z. (76), der alte Plattenbau-IM, hinkt durchs Lokal (Folgen eines Sturzes bei der Schrebergartenarbeit) und schiebt zwischen Herrentoilette und Tresen den Vorhang beiseite. Die Tür dahinter steht offen und Walter betritt das Hinterzimmer der „Frohen Aussicht“. Er ist heute der erste vom Stammtisch Operativer Einsatz. Hier treffen sie sich jeden Freitag. Und das nun schon seit knapp 40 Jahren.

Zum Stamm gehören neben Walter der einstige Führungsoffizier Herbert K. (73, auch heute noch der Stratege), Günter P. (77), Major a.D. des Ministeriums für Staatssicherheit und seit drei Tagen stolzer Besitzer eines nagelneuen Lada Taiga Jagd „Stark im Revier“ (deshalb will er heute eine Runde Wodka schmeißen, wird aber wohl wegen des aktuellen Anlasses eher eine Runde Ouzo werden, davon weiß er aber noch nichts), NVA- Oberstleutnant a.D. Eberhard W. (80)  und natürlich Illjuschin (Alter unbekannt, geschätzt Mitte 70), der Kopf der alten Kämpfer.

stasi_emblem_ddrUm Aufnahme in die Stammtischrunde buhlt seit einigen Wochen Franz D. (79), einst Generalmajor des Ministeriums für Staatssicherheit und dort enger Mitarbeiter Schalck-Golodkowskis in der AG BKK (Arbeitsgruppe Bereich Kommerzielle Koordinierung) im Zuständigkeitsbereich der Bezirke Rostock, Schwerin und Neubrandenburg (heute Mecklenburg-Vorpommern). D. lebte bis vor Kurzem noch in Rottach-Egern als Nachbar seines ehemaligen Chefs. Nach dessen Tod zog es D. nun in die alte DDR-Hauptstadt, um wieder „unter seinesgleichen zu sein“, wie er seinen Umzug nach Berlin begründet hatte. Die Stammtischler wollen heute über seinen Antrag entscheiden.

Kurz nach der Ankunft von Walter Z. sind nun auch alle anderen im Hinterzimmer der „Frohen Aussicht“ eingetroffen.  Jeder hat ein 0,25-Liter Pils vor sich stehen, natürlich gezapft in die alten unkaputtbaren Gläser, die Wirtin Karin exklusiv für die Herren des Stammtisches aus dem Schrank holt. Wie früher eben. Fast. Der Unterschied liegt im Preis. Als der Stammtisch 1975 gegründet wurde, kostete hier das 0,25er Helle 40 Pfennige. Das Helle ist nun ein Pils und schlägt pro Glas mit 1,90 Euro zu Buche. „Zum Wohl, meine Herren, diese Runde geht auf mich. Und es soll nicht die letzte sein“, schmettert Franz D. in die Runde. Die anderen nicken ihm kurz zu, prosten sich gegenseitig zu und trinken das erste Pils traditionell auf ex. Karin steht derweil mit der nächsten Runde bereit und schon haben wieder alle ein volles Glas.

Günter P. ergreift das Wort. „Also, meine Herren. Wie habt ihr euch entschieden? Sollten wir Franz in unsere Runde aufnehmen? Ich jedenfalls bin dafür.“ Die anderen am Tisch murmeln zustimmend und Stratege Herbert hebt beide Hände. Sofort ist Ruhe in der Runde. „Ich würde sagen“, setzt Herbert an, „als letzten Treuebeweis sollte Franz die Operation Heraklion durchführen. Dann wissen wir genau, ob er zu uns passt oder eher nicht. Was sagt ihr dazu?“ „Das ist ein Wort, so machen wir das“, antwortet Illjuschin. Alle anderen nicken. „Operation Heraklion?“, fragt Franz D. vorsichtig und schaut fragend in die Runde.  „Du weißt nicht, worum es geht?“, fragt Eberhard W. und schaut Franz zweifelnd an. „Also wenn ich ehrlich sein soll…“

„Keine Bange“, ruft im selben Moment Karin, die mit einem Tablett gefüllter Schnapsgläser das Hinterzimmer betritt. „Du musst heute Abend eben nur alle Schnäpse bezahlen“, sagt die Wirtin und stellt jedem drei gefüllte 2-cl-Gläser auf den Tisch. „Das mach ich gerne, Genossen“, sagt Franz und erhebt eines der Schnapsgläser. „Aber warum Heraklion?“ „Trink nur, dann wirst du es schon merken“, sagt Herbert und schüttet sich den ersten Ouzo hinter die Binde. Drei Stunden später sind drei Flaschen Ouzo geleert, die Stammtischler sind betrunkener als gewöhnlich, der Lada Taiga Jagd ist getauft und Franz D. ist „ehrenhaft“ in die Runde aufgenommen. Mit Spannung erwarten seine neuen alten Genossen die Geschichten aus der AG BKK. So, wie wir auch.

(Fortsetzung folgt…)

Die macht krumme Dinger, hab ich mir gedacht

Was ich gedacht habe, damals am 9. November 89? Ich habe gedacht, das geht schnell wieder vorbei. Das ist eine kleine Wunde. Eine Schramme am Knie, die schnell wieder verheilt. Das wird schon wieder, dachte ich. Aber natürlich hatte ich auch Angst. Angst um unsere große Sache. An der ich doch auch irgendwie beteiligt war. Gut, ich war keiner von denen da oben. Aber ohne mich, da hätten die doch gar nicht gewusst, was los ist. Ob ich mich schuldig fühle? Ja, vielleicht ein bisschen. Aber nicht, was Sie jetzt denken. Eher schuldig, dass ich nicht alles gegeben habe. Dass ich nicht immer ganz die Wahrheit aufgeschrieben habe. Verstehen Sie nicht? Na ganz einfach. Das Leben meiner Bekannten, Kollegen, das war doch eher langweilig. Arbeit, Kneipe, Datsche, Trabi. Am Wochenende in den Garten. Auto waschen, Würtschen grillen, Unkraut jähten, Helles saufen. Was sollte ich da schon aufschreiben? Also habe ich ab und zu mal ein paar Sachen erfunden. Naja, nicht erfunden. Ich habe lediglich meinen Vermutungen etwas mehr Gewicht verliehen. Und was kann ich schon dafür, dass aus meinen Vermutungen dann Tatsachen gemacht wurden?

Der Onkel aus dem Westen. Heimliche Affären mit anderen Frauen. Oder Männern. Staatsfeindliche Äußerungen. Oder auch mal die Anschaffung einer teuren Schrankwand. Nein, nein! Ich wollte denen doch nicht schaden. Ganz im Gegenteil. Ich habe das Leben der anderen etwas spannender gemacht. Habe ihnen sozusagen ein Gesicht gegeben. In ihrer farblos-grauen Umgebung. Wie zum Beispiel der eine aus meinem Haus damals. Achter Stock, Wohnung links. Ein Schlosser, der im Schichtdienst gearbeitet hat. Wie konnte der sich denn einen Wartburg leisten? Mit 650 Mark netto im Monat? Dann war ich mal bei ihm eingeladen. Zu seinem 35. Geburtstag. Weil ich doch der Hausmeister war. Und der Schriftführer vom Hausbuch. Und Vorsitzender der Hausgemeinschaftsleitung. Da hab ich dann seine Plattensammlung gesehen. Queen, Status Quo und Zupfgeigenhansl mit so jüdischer Musik drauf.  Alles Westplatten. Vermutete ich. Das konnte doch nicht mit rechten Dingen zugehen. So ganz ohne Oma im Westen. Da habe ich mir halt meinen Teil gedacht. Und das natürlich auch aufgeschrieben. Na der hat sich vielleicht gewundert, als die Genossen in Zivil an seiner Tür klopften. Hab ihn dann nie wieder gesehen. Was aus ihm geworden ist? Keine Ahnung.

In die Wohnung ist dann die Alleinstehende mit Kind gezogen. Hübsch war die. Und noch so jung. Hatte jedoch ständig Männerbesuche. HWG hieß das in den Berichten. Häufig Wechselnde Geschlechtspartner. Musste aber meine Beobachtungen und Berichte einstellen. Leider. Die hatte wohl einen Verwandten in der SED-Bezirksleitung. Stand sozusagen unter staatlicher Obhut. Ärgerlich. Über die hätte ich Bücher schreiben können. Zum Glück gab es noch genügend andere. In unserem Hochhaus. Karla aus dem dritten Stock, Wohnung Mitte. Nicht mehr ganz so jung. Aber immer noch gut aussehend. Hatte mich ein paar Mal abblitzen lassen. Bei den Hausgemeinschaftsfeiern damals. Also war die auch nicht ganz koscher. Konnte sich teuren Schmuck und Edel-Parfum leisten. Als Köchin in einer Schulmensa. Da hab ich mir gedacht, die macht krumme Dinger. Da hab ich dann geschrieben, dass sie wahrscheinlich zu einer Bande gehört. Diebstahl und so ne Sachen. Später, beim Verhör, hat sich rausgestellt, dass sie eine Erbschaft gemacht hatte. Als sie aus dann der U-Haft kam, hat sie im Hausflur vor allen anderen mit dem Finger auf mich gezeigt. Der ist bei der Stasi, hat sie gesagt. Hat es im ganzen Haus herum erzählt. Diese Schlampe, entschuldigen Sie den Ausdruck. Aber war so.

Was dann kam? Na ich hab weiter gemacht. Obwohl ich nun offiziell nicht mehr inoffizieller Mitarbeiter war. Ich solle mich zurückhalten, sagte mir damals mein Führungsoffizier. Ging persönlich in die Kreisdienststelle. Haben mich nicht reingelassen. Aber nicht mit mir, dachte ich. Hab also weiter alles aufgeschrieben. Schön ordentlich auf meiner Optima. Anfangs noch mit jeweils drei Durchschlägen, wie gewohnt. Später gingen dann die Blaupausen aus. Aber da war es dann auch schon mit der DDR vorbei. Die Berichte hab ich immer noch. Abgeheftet, in Ordnern und nach Namen einsortiert. 130 Aktenordner. Stehen in den Lagerregalen im ehemaligen Hausgemeinschaftsraum. Feten gibt es ja dort nicht mehr. Aber ich hab den Schlüssel noch. Wovon ich jetzt lebe? Rente. Mindestrente. Klage schon seit Jahren gegen dieses Unrecht. Gemeinsam mit meinen Genossen vom Stammtisch. Und jetzt gehen Sie besser. Hab noch zu tun. Unten im vierten Stock sind Russlanddeutsche eingezogen. Zu sechst. In eine Vierraumwohnung. Da ist doch was faul.