Kannst Du „Als ich wie ein Vogel war“?

Es lief im Radio. Letzte Woche. Selten, dass sie mal Renft spielen. Aber letzte Woche lief es, das Lied. Und plötzlich waren alle Erinnerungen wieder da. Glasklar. Als wenn es gestern gewesen wäre.

Sie hieß Julia. Kurze, rote Struwwelhaare, grüne Augen. Zerrissene Jeans, kunterbuntes, selbst bemaltes T-Shirt, Parka. Sie war 32, fast zehn Jahre älter als ich damals. Im Turm, dem Studentenklub von Halle, hatten wir uns kennengelernt. Wir waren die letzten Gäste, nach einem Konzert. Ich hatte gerade meine letzte Mark für ein Bier ausgegeben. Sie ihre letzten Pfennige für ein Schmalzbrot. Wir haben beides geteilt. Und sind danach durchs dunkle Halle zu ihr gelaufen.  In einer eisigen Winternacht.

Altbau Hinterhaus, zweiter Stock. Dunkle Kälte. Strom hab ich schon lange nicht mehr, sagte sie, zündete Kerzen an. Und den Gasherd. Bei offener Klappe kam so etwas Wärme in die Küche. Kohlen kommen erst nächste Woche. Wenn ich sie bezahlen kann. Julia ging nicht arbeiten. War bei der Stadt als „kriminell gefährdet“ eingestuft.  Aber die lassen mich in Ruhe, sagte sie. Weil ich plem plem bin. Plem plem? War in der Irrenanstalt. In Altscherbitz. Wollen wir nicht über was anderes reden? Klar, sagte ich.

Wir redeten bis zum Morgen. Und tranken Wein. Selbstgemachten Kirschwein. Aus einem großen Ballon, der neben dem Küchentisch stand. Und Julia erzählte doch noch ihre Geschichte. Von Schlägen daheim, vom Kinderheim, von Lügen. Lügen ihrer Mutter. Die nicht wahr haben wollte, was der Vater jahrelang mit der Tochter gemacht hatte. Niemand hatte ihr geglaubt. Deshalb wurde sie eingewiesen.  Dort, sagte sie, hat man wenigstens so getan, als ob man mir glauben würde. Glaubst Du mir? Fragte Julia beim Abschied und bevor ich antworten konnte – sag jetzt lieber nichts. Und vergiss mich, so eine wie mich, so eine hat man nicht als Freundin.

Ich konnte sie natürlich nicht vergessen. Hab sie hin und wieder besucht. Mit ihr die Kohlen in den Keller getragen. Kirschen gepflückt, für den neuen Wein. Nächtelang in der Küche gesessen. Dann fragte sie mich, ob ich denn die Gitarre mal mitbringen könne. Sie hätte mich da letztens spielen sehen, in der Band, beim Straßenfest. Als ich mit der Gitarre kam, hatte Julia gekocht. Kartoffelsuppe mit Wiener Würstchen. Die beste Kartoffelsuppe, die ich je gegessen habe. Kannst Du „Als ich wie ein Vogel war“ singen? Klar konnte ich. Renft, das gehörte zum Standartrepertoire. Damals.

Julia sang mit. Den Refrain: Irgendwann will jedermann raus aus seiner Haut. Irgendwann denkt er dran, wenn auch nicht laut. Das ist jetzt unser Lied, sagte sie. Wenn ich es in Zukunft höre, denk ich an dich. Und wenn Du es hörst, könntest du ja auch an mich denken. Ach Julia, ich denk doch sowieso oft an dich, sagte ich. Und wollte ihr sagen wie sehr ich oft an sie denken muss. Sie hatte wohl so etwas geahnt, bat mich, jetzt nichts zu sagen und dafür weiter zu spielen. Wir sangen und saßen wieder mal bis zum Morgen.

Es war der letzte Morgen mit Julia. Ein Unfall. Hieß es damals. Heute weiß ich, dass es keiner war. Freunde haben mir später erzählt, dass sie einen Abschiedsbrief hinterlassen hatte. Irgendwann will jedermann raus aus seiner Haut. Irgendwann denkt er dran, wenn auch nicht laut. Stand darauf.

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Freitags

ruine halle 3

Es ist Freitag. Schon am Nachmittag bin ich in die Wohnung von Schorschi gefahren. Mitten in der maroden Altstadt. Vorn durch die alte Holztür mit dem schwarzen Loch in der Mitte. Glas ist hier schon lange nicht mehr drin. Durch den Flur in den Hinterhof. Dort die steile Holztreppe rauf. Die Stufen knarren, jede anders. Oben nur ein Vorhang, die Tür steht hier immer offen. Für jeden, der zu Besuch kommt.

Die Bude ist verqualmt. Filterlose Karo oder Selbstgedrehte oder beide. Schorschi freut sich, wie immer, wenn jemand den Weg zu ihm gefunden hat. Er macht Fettbemmen mit selbst geschmorten Schmalz, bestreut mit Salz und Zitronenmelisse. Dazu schwarzen Tee, natürlich mit einem Schluck Schnaps. Goldbrand, manchmal auch Rum. Oder ein Glas Rotwein, aus der Tasse. Mit braunen Rändern vom schwarzen Tee.

Dann nimmt Schorschi die Gitarre in die Hand. Er schlägt ein paar Akkorde an, seine Finger gleiten durch die Saiten. Wie macht er das bloß immer? Schon wieder hat er eine neue Melodie, schon wieder hat er einen Text vertont. „Lied für Katrin“ nennt er es, beim Vorsingen krieg ich Gänsehaut. Dann klimpert er noch ein paar andere Sachen an. Und dann ist der Wein alle. Wir gehen zusammen die steile Treppe hinunter, durch den Flur auf die Straße. Schräg gegenüber ist Schorschis Stammkneipe. Nicht nur seine.

Im Sargdeckel trifft sich halb Halle. Zum schwatzen (aber bitte leise, sagt der Wirt), natürlich zum Bier trinken (Helles 40, Pils 48, Sternburg Export 56 Pfennige – 0,25 Liter) und auch zum Knobeln. Oder Skat spielen. Der Wirt ist grantig, aber hat das größte Herz. Schnaps kostet hier ne Mark, Bockwurst mit Rührei und Kartoffelsalat 3,20. Zehn Mark reichen hier. Zum satt werden, für zehn Bier, zwei Schnäpse und Trinkgeld. Punkt elf ist Schluss, keine Diskussion.

Also weiter zum Turm. Studentenklub. Schwierig hinein zu kommen. Schorschi kennt den Chef, kein Problem. Außen dicke Mauern, drinnen halbe Liter Bockbier (1,12). Unten nur ein paar Leute am Tresen, oben ist es rammelvoll. Eine Jazzband spielt, Schlagzeug, Bass, Saxophon. Das Publikum langhaarig, Jeans, Römerlatschen. Wir gehen wieder hinunter, das Bockbier schmeckt uns besser als der Jazz.

Dann ist es auch schon früher Morgen. Schorschi wankt nach Hause, ich auch. Durch die halbe Stadt. Durch Parks, über Brücken, über menschenleere Straßen. Vorbei an den Ruinen am Stadtrand. Dann das Centrum-Warenhaus, der Fluss, die Pferderennbahn. Schluss für heute, bis nächsten Freitag.

Das alles ist lange her. Das Land wurde abgeschafft,  Schorschi lebt leider nicht mehr. Aber die Erinnerungen sind wach. Die kann man nicht einfach abschaffen. Die sind frei, wie die Gedanken. Und die Kneipe gibt´s auch noch. Oder besser gesagt – wieder.