Dagegen

Heute Morgen, also gerade, bekam ich eine E-Mail eines „Kämpfers“ für Volksentscheide. Dabei eine Aufforderung, mich doch auch für diese einzusetzen. Darin heißt es u.a.: „Ja, ich will Volksentscheide, nicht, weil alle Probleme dann gelöst sind, sondern weil wir dann ein Instrument haben über die Probleme lange, sachlich und ausführlich zu reden. Weil Volksentscheide, alle Menschen mit ins Boot nehmen und keiner hinten runterfällt. Und je mehr ich gefragt werde, je mehr ich beteiligt bin, desto weniger wächst die Wut. Wenn wir unsere Politik verändern wollen brauchen wir viele demokratische Erlebnisse.“

Ich bin dagegen. Gegen Volksentscheide. Jedenfalls jetzt. Denn das Volk ist dumm. Nicht nur das Wahlergebnis hat es gezeigt. Und Dummheit geht einher mit dem Nichtvorhandensein der Sachkenntnis. In den meisten Fällen gibt es eine kleine Gruppe mit Kenntnis. Diese initiiert dann das Begehren, den Entscheid. Dann gibt es noch eine Menge Leute, die kennen sich damit aus. Weil sie beruflich damit zu tun haben. Weil sie privat betroffen sind. Diese stimmen dann dafür oder dagegen. Nachvollziehbar.

Viele andere aber stimmen nur ab, weil es die Möglichkeit zur Abstimmung gibt. Frei von jeder Kenntnis finden sie es demokratisch cool, dabei sein zu können. Ob sie das Thema betrifft oder nicht. Egal. Hauptsache abstimmen.  Ob mit oder ohne Sinn. Ob betroffen oder nicht. Beispiel Tegel. Ganz Berlin durfte abstimmen. Die meisten sind für die Offenhaltung. Die meisten sind nicht vom Fluglärm betroffen. Da lässt es sich gut abstimmen. Oder noch besser: Das Volksbegehren für mehr Videoüberwachung. Klar, dort und dort muss eine Videokamera stehen. Hauptsache nicht in meiner Straße. Überwachung ja, aber nicht in meine Privatsphäre eindringen. So haben wir das gern.

Mein Favorit aber heißt „Berlin werbefrei“. Aber sicher doch. Da weiß man gleich, mit wem man es zu tun hat. Selbstständige Klein- oder Großunternehmer können das nicht sein. Auch niemand vom Handwerk. Niemand, der sein Geld mit einem Produkt verdient, das sich auf dem Markt behaupten muss. Also, wer? Im Impressum steht ein Anwalt, der auf etlichen Onlineseiten verlinkt ist und natürlich selbst niemals Werbung machen würde…

Ich bin dagegen, dass jemand dagegen oder dafür sein darf. Erst wählen sie AfD und dann initiieren sie ein Volksbegehren gegen Rechtspopulisten im Bundestag. Sie jagen das Kind, bis es in den Brunnen fällt. Und ertrinkt. Hinterher wollen sie das Brunnenwasser abschaffen.

Advertisements

Bahn sechs, kurz nach sieben II oder Herbert hat gewählt

„Dit war der Herbert, dit sach ick dir!“, sagt Irmgard zu Trudchen. „Herbert? Wieso Herbert? Und wat meinsten übahaupt“, fragt Trudchen Irmgard. Die beiden Berliner Seniorinnen sind wie jeden Morgen im Stadtbad. Hier darf man vor acht zum Sonderpreis schwimmen. Oder, wie Irmgard und Trudchen es tun, im flachen Wasser stehen, ab und zu die Arme darin bewegen, und ansonsten Tratschen was das Zeug hält. Wie auch heute morgen wieder.

Ich hatte sie wegen der Sommer-Freibadsaison lange nicht gesehen. Sie haben sich nicht verändert seit dem Frühjahr. Beide haben immer noch ihre Perlenkette während des „Schwimmens“ um, beide tragen ihre lila-gelben Badekappen. Und ihre Badanzüge Marke „ein bis zwei Nummern zu klein“. Und beide blockieren wie ehedem Bahn sechs. Frau Stadtrat und ihre beste Freundin.

„Nu pass ma uff. Herbert hat beim letzten Kränzchen erzählt, dass er bei der nächsten Wahl es denen da oben mal so richtig zeigen will. Und abwähln will er den janz oben“, sagt Irmgard. „Na dit gloob ick jetze nich“, ereifert sich Trudchen. „Herbert? Der stammt doch praktisch von de Demjokraten ab? Großvata Demjokrat, Vata Demjokrat, Bruda Demjokrat. Der is doch praktisch jesehn mit Brandt uffjewachsen. Und Ernst Reuta war sojar n entfernta Nachbar von Herbertchens Mutta. Da musste dir irren, Irmjard.“

„Wat weeß ick denn, wie Herbert uffjewachsen is. Ick hab ja nich so´n enget Vahältnis mit dem wie manch andre Anwesende hier“, pariert Irmgard mit spitzem Mund. „Na, na, nu werd ma nich gleich komisch. Dit eene mal wirste mir jo wohl nich ankreiden wolln, wa? Und außadem, sind wa immahin n freiet Land. Da kann Herbertchen ja wohl wählen, wat er will“, erwidert Trudchen. Irmgard taucht langsam bis zum Hals ins Wasser, langsam wieder auf. „Nee“, sagt sie dann bestimmt, „mit so ne Familje kannste eben nich wähln, wat de willst. Jedenfalls nich die, wo ick gloobe, dass er die jewählt hat.“

„Wat gloobste denn, wat Herbert jewählt hat“, fragt Trudchen und taucht ganz langsam bis zum Hals ins Wasser, und langsam wieder auf. „Na die von drjüm“, antwortet Irmgard, „die vonne Es-Eh-Deh-Nachfoljer. Dit hatter doch imma ma wieda jesacht, dat die ja nich so schlimm sein solln.“ Trudchen schaut Irmgard an, zeigt mit ihrem rechten Zeigefinger an ihre Stirn. „Na dat is ja wohl die Höhe. Herbertchen is doch keen Kommjuniste. Dat is n ausjewiefter Demjokrat. Basta.“

„Ah, kieke ma, wer da kommt. Uns Herbert. Na, Herbertchen, wat haste jewählt am Wochenende“, fragt Irmgard, als Herbert langsam, ganz langsam, ins Schwimmbecken steigt (wie eh und je mit seiner superengen Mini-Badehose im Tigerlook). „Madam hier neben mir gloobt nämlich, Du hast die von drjüm jewählt.“

Herbert schaut beide fragend an und sagt: „Ick weeß ja nich, wat ihr hier schon wieda tratscht. Aba eens kann ick Euch sajen: Mein Ziel ha ick erreicht. Am Samstach ham wer den Vorstand vonne Skatbrüda abjewählt. So, wie ick dit mir vorjestellt hatte. Der olle Justav konnte ja schon nich mehr zwischen Re und Kontra untascheidn. Und Sonntach? Na die Demjokraten natürlich. Wat denn sonst – bei meene Familje.“

„Ja, wat, wie…“ Den Rest höre ich nicht mehr, denn ich habe ja noch zehn Bahnen vor mir. Und die Zeit ist knapp. Schließlich muss auch ich um acht draußen sein.

Tiefgründig

Morgen wissen wir es nun. Wer der neue Mann im weißen Haus ist. Alle Welt schaut nach Washington, scheinbar alle Auslandsreporter sind vor Ort. Auch viele Kommentatorinnen und Kommentatoren. Und manch eine(r) liefert gar tiefgründige Kommentare, basierend auf einer guten und sicher lange Recherche.

So sagte die Kommentatorin der ARD: „Egal, wer die Wahl gewinnen wird. Eins steht jetzt schon fest. Ins weiße Haus zieht entweder der älteste oder ein schwarzer Präsident.“ Gut recherchiert, ARD. Hätte sonst keiner gewusst.

ob01 

Obama-Support in San Francisco