Flughafen BER pünktlich eröffnet

flughafen_bbi_002Manchmal frage ich mich, was wäre wenn gewesen passiert sein könnte. Oder so ähnlich. Wenn zum Beispiel unser toller Flughafen pünktlich eröffnet hätte. Damals, am 3. Juni 2012 (oder an den Terminen zuvor, davon mal abgesehen). Ich frage mich, was wir speziell in Berlin alles hätten lesen können. Dürfen. Was hätten wir alles erfahren, das nun für immer im Verborgenen bleibt. Das nie geschrieben worden ist. Weil dieser komische Flughafen nicht rechtzeitig fertig wurde. Und, das kommt noch dazu, was auch in den nächsten Monaten und vielleicht Jahren nicht ans Tageslicht kommt. Weil einfach kein Platz dafür ist.

Sieben Berliner Tageszeitungen berichten seit nunmehr 270 Tagen über die Nicht-Eröffnung eines Flughafens. Im Schnitt, sagen wir mal, auf durchschnittlich zwei Seiten pro Tag. Manchmal sind es vier, manchmal sechs, an anderen Tagen bekommt die Unfähigkeit, lediglich einen Flughafen zu bauen, nur eine Seite. Aber es wird täglich berichtet. 270 Tage auf zwei Seiten in sieben Berliner Tageszeitungen. Das sind 3780 Zeitungsseiten. 3780 Geschichten über das Versagen der Aufsichtsräte, den Baupfusch deutscher Elitefirmen, Pleiten und Pannen der Planer, Korruptionsverdacht und Rücktritte, Rausschmiss und Millionengehälter, Brand- und Kündigungsschutz, Makel und Debakel, poröses Pflaster und Desaster, Katastrophen und über all die anderen schier unglaublichen Vorgänge auf einer Baustelle des 21. Jahrhunderts.

Hätte der Flughafen pünktlich geöffnet, hätten wir auf jeder dieser 3780 Zeitunsgsseiten wenigstens zwei andere Geschichten lesen können. Das wären 7560 Geschichten gewesen. Vielleicht sogar schöne Geschichten. Über Dinge, die gelungen, Bauvorhaben, die abgeschlossen, Aufsichtsräte, die fähig, Planungen, die gut waren. Über Pleiten, die verhindert, Millionengehälter, die nicht gezahlt, sondern gespendet, Katastrophen , die verhindert worden sind. Über Elitefirmen, die den deutschen Ruf verteidigt, über elektrische Schutzanlagen, die von Anfang an funktioniert haben. Oder einfach nur schöne Geschichten aus den Berliner Kiezen. Über Familien mit und ohne Kinder, über Restauranteröffnungen und tolle neue Läden, über Clubs und Diskotheken, über Bäume und Straßen, über Glück und Ärger. Eben über das Leben. Das wäre schön gewesen. Doch dies blieb leider verborgen.

Und noch so manche schöne Geschichte wird auch weiterhin der seltsamen Baustelle vor den Toren Berlins, wo behauptete wird, dort würden einst Flugzeuge starten und landen können, zum Opfer fallen.

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Mediale Unfälle & die Statistik

Wir weinen und wir heulen viel. Steht heute auf Seite Eins einer großen deutschen Tageszeitung. Zitiert war der Vater des bei „Wetten dass…“ schwer verunglückten Samuel Koch. Diese Zeitung lesend, sagt eine junge Frau in der U-Bahn zwischen Turmstraße und Hansaplatz zu ihrer Freundin: Der wird jetzt zur Reha in eine Spezialklinik in die Schweiz geflogen. Meinst Du, der würde auch dorthin geflogen, wenn er zuhause die Kellertreppe runtergestürzt wäre? Die andere überlegte kurz und antwortete: Nee. Da musste schon n Promi-Opfer sein, um dahin zu kommen. Aber der ist doch eigentlich gar kein Promi, sagte daraufhin die andere. Der ist rein zufällig im deutschen TV verunglückt. Ansonsten hätte einen Tag später kein Schwein mehr gewusst, wer Samuel Koch ist. Es sei denn, er wäre Wettkönig geworden…

Fakt ist: Während Samuel Koch über sein Unfall-Auto sprang, verunglückten in Deutschland zwölf andere Menschen, über die keine Zeitung berichtet hat. Während Koch behandelt und ins Krankenhaus gebracht wurde, gab es in anderen Bundesländern insgesamt 753 Unfallopfer, zwei von ihnen starben. Seitdem die deutschen und internationalen Medien über diesen Unfall berichten, gab es weitere 146.540 Unfälle, über die nicht oder nur kurz berichtet worden ist. 30.000 davon geschahen beim Sport. 270 Deutsche kamen seit Kochs missglückten Stunt bei einem Unfall ums Leben. Wobei die meisten von ihnen nicht auf der Straße, sondern im Haushalt ihr Leben verloren. 6000 Deutsche verabschieden sich so jedes Jahr aus dem Leben. 4000 Tote gibt es im Straßenverkehr. Und: Sport ist zwar kein Mord, aber kreuzgefährlich. 2009 verletzten sich 1,25 Millionen Deutsche so sehr, dass sie länger in ärztliche Behandlung mussten.

Und, so tragisch der Unfall Kochs gewesen sein mag, alle anderen Unfälle waren es ebenso. Aber sie haben kein Schwein interessiert. Außer natürlich Angehörige und Betroffene. Bleibt die Frage, in welcher Kategorie Kochs Unfall in die Statistiken eingehen wird: Straßenverkehrsunfall? Denn immerhin waren Autos beteiligt. Ein Haushalt-Unfall? Es geschah ja in einem geschlossenem Gebäude. Oder aber es war ein Sportunfall. Schließlich ging es doch mehr oder weniger um eine sportliche Leistung. Ich vermute allerdings, dieser Unfall wird in alle Statsitiken eingehen. Ein so genannter Sport-Straßen-Haushalts-Unfall. Damit am Ende die Statistiken stimmen. Wetten dass…?