Heimat mit Ausschank

Schon einmal musste ich über das bevorstehende Ende berichten. Das Ende vom Sargdeckel, zu DDR-Zeiten Halles Kneipen-Institution, nach Abriss 1994 in einem Neubau dann doch wieder auferstanden. Was Sargdeckel heißt, kann eben nicht so einfach sterben. Doch nun scheint es wieder soweit. „Es stimmt, wir suchen einen Nachfolger“, bestätigt Familie Lies, die den Deckel übernommen hatte.

Der Sargdeckel. Zu Ost-Zeiten nach der gleichnamigen Straße nebenan in Martha-Klause umbenannt. Sargdeckel, das passte nicht in die sozialistische Wohngebietsgaststättenkultur. Doch für den Hallenser blieb es der Deckel. Hier, bei Bringfriede und Rolf Valerius. Montag bis Freitag geöffnet, jeweils von 15 bis 23 Uhr. Spätestens 16 Uhr waren alle Tisch besetzt. Freie Plätze gab es dann maximal noch am Stammtisch direkt vorm Tresen. Aber wer hier sitzen wollte, musste sich das erst über Jahre hinweg ertrinken.  Ich durfte. Nach Jahren regelmäßiger Einkehr.

Den Anfang machte meistens Schorschi, unser Freund, der nur ein paar Meter weiter in der Adam-Kuckhoff-Straße wohnte. Wenn er nicht zuhause war, dann ging man eben zu Rolli in den Deckel. Dort saß er dann schon, oder kam später hinzu. Helles 40 Pfennige (0,25 l), Pils 46, Export 48 Pfennige. Sternburg gab´s hier, vom Fass natürlich. Die Speisekarte klein, aber lecker und ausreichend. Bockwurst, Knacker, Rührei. Mit Kartoffelsalat oder Bratkartoffeln. Skat und Würfelspiele waren erlaubt. Lautes lachen oder Knutschen sah Rolli nicht so gern.

Mit zehn Ostmark sind wir über den Abend gekommen. Das waren also zehn Bier (vier Mark), vier kleine Schnäpse (vier Mark) und für eins achzig ne Knacker mit Kartoffelsalat. Mit Trinkgeld n Zehner. Da konnte man nicht meckern. Und war satt und meistens auch blau. Teilweise spielten wir Lügen-Max um Verkehrsampeln. Also um drei Schnäpse rot, gelb und grün. Das waren ein Kiwi genannter Kirschwhisky, ein Apfelkorn in der Mitte und hinterher dann noch ein mintgrüner Pfeffi. Da wird mir heute noch ganz schlecht.

Der Deckel, auch eine Kneipe vom damaligen Bermuda-Dreieck. Das „Zentral“ (oder Central?), das Café „Corso“ und der Deckel. Wenn man es geschickt anstellte, konnte man so den ganzen Tag und fast die ganze Nacht in einer der drei Trinkhallen verleben. Aber das hat bei den Trink-Mengen damals eh keiner durchgehalten. Außer Schorschi. Der ist manches Mal vom Deckel ins Zentral, von da ins Corso, und wieder zurück in den Deckel.

Der Deckel war zum Wohnzimmer geworden, zur Heimat mit Ausschank. Für viele so sehr, dass sich schon lange vor den 1989 eine Bürgerintitiative bildete. Zur Rettung des Deckels. Denn auch in den 80ern sollte schon einmal die Abrissbirne anrücken. Eine Wirtsfamilie mit Leib und Seele und die Stammgäste haben es damals verhindert. Den Abriss nach der Wende konnte keine BI verhindern. Wenn eine Versicherungsgesellschaft einen Neubau plant, dann wird eben neu gebaut. Und das Alte abgerissen. Aber wieder retteten Stammgäste das Weiterleben vom Deckel.

Rolf Valerius war schon länger tot und Bringfriede hatte den Laden allein mit Unterstützung in der Küche weiter gschmissen. Doch ein Neuanfang nach dem Abriss kam für sie nicht in Frage. Thomas Lies und Frau, Gäste und Köche bei Bringfriede, übernahmen den Deckel dann im Neubau und führten die Wohnzimmer-Mit-Auschank-Tradition weiter. Doch nur noch bis zum 30. Juni 2010. Dann soll Schluss sein. „Vielleicht schon ein, zwei Wochen früher“, sagt die Wirtin. Es sei denn, es findet sich ein Nachfolger. Es muss sich ein Nachfolger finden. Der Deckel kann doch nicht einfach zuklappen. So lange wir noch alle leben.

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10 Antworten zu “Heimat mit Ausschank

  1. also, ohne mia selba zu loben zu wolln, ick bin ne prima tresenschlampe, abba ihr würdet ja nüscht vaststehn, wenn ick lospöble…

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  2. Dit gloob ick. Ick hatte och schon übalecht. Aba es jibt wohl einije Bewerba, die den Deckel übanehm wolln.

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