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Der Glühlampenwitz & die BVG

bvg_kamera_kudammEinen kennt jeder: Wie viele Menschen verschiedener Herkunft/verschiedener Berufsgruppen braucht man, um eine Glühlampe zu wechseln? Die Antworten reichen von keinen bis unendlich viele. Es gibt den Witz mit Ostfriesen, mit Beamten, Atomkraftgegnern usw usf… Alle mehr oder weniger zu Lachen. Besser aber ist es immer wieder, wenn die Realität den Witz einholt. Denn wenn die beste Satire das wahre Leben ist, kann es mit den Witzen nicht anders sein. So geschehen und gesehen diese Woche im U-Bahnhof Kurfürstendamm auf der Linie 9: Ein BVGer baut die neue Überwachungskamera an, vier halten sich an der Leiter fest bzw. sind wichtig.

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Vermisst

Da hat mich Berlin also wieder. Nach drei Wochen und über 8000 Kilometer durch den Südwesten der USA wieder in Berlin. Und, was soll ich sagen, ich hab es vermisst.  Endlich hab ich all das wieder, was diese Stadt so umwerfend und so cool macht. Die coolste Stadt der Welt? Behauptet doch der Stern. Oder? So ist es. Denn nur hier gibt es die volle Dröhnung. Und ich bin endlich zurück. Endlich wieder mürrisches Kneipenpersonal, unfreundliche Verkäuferinnen, überhebliche Barbetreiber und eingebildete Imbissbesitzer. Endlich wieder volle S-Bahnzüge, nervende Dealer-U-Bahnen, nach Pisse stinkende Bahnhöfe. Endlich wieder kein Lächeln in den Gesichtern der anderen. Endlich wieder Baustellen.

Endlich wieder verspäteter Schienenersatzverkehr. Wobei mich immer wieder allein das Wort schon begeistert. Hier werden die Schienen durch Verkehr ersetzt. Nicht etwa die Bahnen, die auf den Schienen fahren…  Nun, am Sonntag war es wieder mal besonders schön: 1,5 Stunden von Pankow nach Friedrichshain. Weil zuerst der Schienenersatzverkehr für die Tram-Linie 1 nicht kam. Welch Ironie: Trotz Verkehrs nicht gekommen. Nun, auch die Tram-Linie 10 war an diesem Tag nicht so unterwegs, wie es im BVG-Fahrplan ausgeschrieben ist. Das führte nun dazu, dass die erste verspätete Bahn so voll war, dass es für einige Fahrgäste keine Chance gab, die Tram zu betreten. Nun, die nächste Bahn sollte ja nur zwei Minuten darauf fahren. So blinkte es jedenfalls von der BVG-Anzeige zu uns hinunter. Allerdings stand die zwei auch zehn Minuten später immer noch dort. Genau das habe ich auch so vermisst: Die Fake-Anzeigen „Wann fährt die nächste Bahn – wer´s glaubt“ der BVG (im Gegensatz übrigens zu den Anzeigen der Metro in Lissabon – die auf die Sekunde stimmt).

Die zweite, ebenfalls verspätete, Bahn der Lin  ie 10 war dann nicht ganz so voll. Aber immer noch gut gefüllt und mit einer Berliner Luft, die ihresgleichen sucht. Eine Mischung aus Alkohol und Knobluach und Schweiß und Pippi und Gammelobst und was weiß ich noch. Ähnlich gestunken hat es nur noch vor 1989 in den Tatra-Bahnen in Halle/Saale, wenn eine halbe Kompanie Russen im Wagen mitgefahren war. Aber nach der dritten Station hatte ich mich auch daran gewöhnt und kam meinem „Endlich-Wieder-Zuhause-Wohlfühl“-Gefühl immer näher. Als sich eine weitere Station später eine junge Mutter mit Zwillingskinderwagen so in die Bahn drängelte, dass sie mit dem Wagen zuerst ein anderes Kind fast erdrückte und mir dann zweimal an die Waden fuhr (ohne sich zu entschuldigen), wusste ich endgültig: Berlin, Du hast mir wieda.

Warmduschertemperaturaufschlag

bbb_aufschlag_warmwasserManchmal komme ich nicht mehr mit. Mit den neuen Preisen. Also, mit den Preiserhöhungen. Vieles kann ich nachvollziehen. Anderes nicht. Die BVG zum Beispiel. Von 1,80 DM Anfang der 90er auf jetzt 2,60 Euro für eine Einzelfahrt. Verrückt. Nix dagegen, wären die Löhne und Gehälter ebenso gestiegen. Man stelle ich vor: Hatte man vor dem Euro 1800 Mark Gehalt, wären das jetzt 2600 Euro. Aber unsere Berliner Verkehrsbetriebe sind gegen andere noch harmlos. Den Gipfel der Preiserhöhungen haben jetzt zweifellos die Berliner Bäderbetriebe erklommen. 5,50 Euro kostet nun ein Besuch in Halle oder Freibad. Natürlich nur, wenn das Waser eine angenehme Kühle hat. Denn ist es warm, kostet es gleich noch einen Aufschlag. 1,50 Euro mehr kostet es, wenn die Temperatur aller Becken 30 Grad in der Halle oder 27 Grad im Freibad übersteigt. Kann man nur hoffen, dass die Sonne im Sommer nicht so oft scheint. Sonst wird es ein teurer Badespaß. Und bekommt die Gastronomie Wind davon, wird es brenzlig. Ich sehe schon die Aufsteller auf den Sommerterrassen. Warme Speisen 1,50 Euro Aufschlag. Und kalte Getränke natürlich auch.

Wem die Scheiße bis zum Hals steht, der sollte den Kopf nicht hängen lassen

Was soll das? Der Oktober ist nun schon sieben Tage Vergangenheit und noch immer scheint die Sonne. Noch immer zeigt sich der Herbst von seiner goldenen Seit. Die Berliner sitzen draußen auf den See- und Caféterrassen, erobern die Plätze und Parks der Stadt. Hallo! Es ist November. Regen will ich. Und Nebel. Nasskalt muss es sein um diese Jahreszeit. Dunkel. Alles andere kann doch nur eine dieser postiven Marketing-Ideen des Deutschen Wetterdienstes sein. Bevor uns der Winter eiskalt erwischt, gibt es nochmal postive Wetter-Energie. Ja ja. Manche glauben es. Ich nicht mehr. Und außerdem geht es mir tierisch auf den Kranz, all dieses Positive neuerdings.

Wie die Neu-Kontrolleure in der U-Bahn. Kommen in Uniformen daher, mit ordentlichem Haarschnitt und reden freundlich. „Dürfte ich bitte Ihre Fahrkarte sehen, junge Frau? Lassen Sie sich ruhig Zeit, keine Hektik. Sie finden Ihre Fahrkarte nicht? Kein Problem. Ich komme nach der nächsten Station nochmal vorbei.“ Spinnt der? Das heißt: FAHRAUSWEISKONTROLLE!!! Dalli, dalli! Und nicht Bitte und Danke und so´n Schmusescheiß. Freundlichkeitsoffensive heißt das bei der BVG. Und Kundenbindung. So ein Quark. Das will doch keiner. Die Touris nicht, die verstehen eh kein Wort. Und die Berliner erst recht nicht. Die wollen ihre Ruhe haben. Unter ihren MP3-Kopfhörern. Das Ticket kurz hochhalten und tschüss.

Oder die AOK. Nennt sich jetzt Gesundheitskasse. Wie bitte? Gesundheitskasse? Was hat die denn damit zu tun? Wenn wir gesund sind, zocken sie uns ab, dass wir krank werden. Und wenn wir krank sind, zahlt die Kasse ein wenig Schmerzensgeld zurück. Deshalb ist sie verdammt nochmal eine Krankenkasse. Krank werde ich auch, wenn ich das Neuberliner Wort „Wärmebus“ höre. Jahrelang fuhren im Winter Kältebusse durch die Berliner Nächte, um Obdachlosen und Bedürftigen Hilfe und Transport anzubieten. Sie fuhren und fahren immer noch durch die Kälte der Nacht. Und nennen sich seit einer Woche Wärmebus.Und Be Berlin heißt eigentlich Burn Berlin. Oder umgekehrt?

Niemand will die Dinge mehr beim Namen nennen. Solange sie auch nur einen kleinen negativen Touch haben. Selbst das auch in diesem Jahr unvermeidliche Winterchaos bei der Berliner S-Bahn nennt sich nun „Schneefahrplan“. Bedeutet: Verspätungen, Zugausfälle, Streckensperrungen. Heißt aber Schneefahrplan. Klingt doch gleich viel positiver. So ein bisschen Schneeflocke und ein bisschen Fahrplan. Als ob da irgendetwas fahrplanmäßig ablaufen würde, wenn es Schnee gibt. Aber das ist wohl gerade Mode. Selbst die Regierenden sprechen bei Milliardengräbern von Rettungspaketen und bei sinnentleerten Nutzlosigkeiten von erfolgreichen Koalitionsvereinbarungen. Immer schön positiv denken, arbeiten und vor allem das Volk positiv verschaukeln. Das kennt man ja nun schon länger. Andererseits, wie sagt schon ein altes griechisches Sprichwort? Wem die Scheiße bis zum Hals steht, der sollte den Kopf nicht hängen lassen. Auch wieder wahr.

UnSinnlos I (Bus endet hier)

Es ist, zumindest für mich, immer wieder schön und lesenswert, wenn die deutsche Sprache nicht weiß, was sie sagen soll.  Wenn sie unfähig ist, sich auszudrücken, Purzelbäume schlägt und sich um die wahre Information windet. Zum Beispiel Bus endet hier. Hier? Bisher war ich davon ausgegangen, dass an dieser Stelle, also vorn, der Bus beginnt. Oder anfängt.

Falsch. Bus endet hier. Steht ja groß dran. Oder meinte der Schöpfer dieser prägnanten Kurz-Information eventuell, dass die Fahrt des Busses hier endet? Aber wenn dies so gemeint sein sollte, warum steht dann nicht Fahrt endet hier dran? Und, was ist eigentlich Hier? Beziehungsweise Wo ist Hier? Ist Hier hier, wo das Fahrzeug jetzt steht? Oder ist Hier dort drüben, wo die letzten Fahrgäste den Bus verlassen haben? Oder ist Hier eventuell da, wo der Bus wieder losfährt? An der Endhaltestelle? Die ja eigentlich Beginnhaltestelle heißen müsste? Weil die Fahrt ja dort beginnt.

Oder aber der Bus. Bus beginnt hier. Hab ich allerdings noch nicht gelesen. Aber wer weiß, was die Berliner Verkehrsbetriebe noch alles so drauf haben? Mit dem Enden haben sie´s jedenfalls. Auch in den U-Bahnzügen. Die enden auch in den jeweiligen Endbahnhöfen. This train terminates here. Heißt es für unsere Gäste aus dem Ausland. Obwohl auch in den U-Bahnhöfen lediglich die Fahrt des Zuges und nicht er selbst endet. Oder eben anfängt. Je nachdem,von welcher Bahnhofsseite man die Treppe heruntergekommen ist. Links endet der Zug vorn, rechts beginnt er hinten. Bus endet hier. Teil eins der neuen bpb-Reihe UnSinnlos.

U2-Cocktail

Pub Crawls sind out. Ist ja auch nervig, immer dem Reiseleiter folgen zu müssen, von Pub zu Pub. Und überall auch noch auf die jeweiligen Getränke angewiesen zu sein. Das machen britische Jugendliche nun nicht mehr mit. Der neue Berliner Trend für die Gäste aus dem Empire heißt „U-Bahn Surf & Sauf“. Freitagabend, kurz vor acht, U2 Richtung Pankow. Am Potsdamer Platz steigt eine Gruppe schöner junger Menschen ein. Fünf junge Damen Anfang 20, ein Typ im gleichen Alter. Alle haben zwei Sachen gemeinsam: Sie sprechen alle englisch und haben alle ein geöffnetes Warsteiner in der Hand. Man plaudert fröhlich drauflos und währenddessen werden die Bierpullen geleert. Mit einer Geschwindigkeit, die selbst alteingesessene Biertrinker vom Hocker hauen würde.

Doch Bier allein macht ja nicht glücklich. Also wird, ab Station Hausvogteiplatz, eine Flasche Wodka nebst O-Saft zu  Nachspülen durchgereicht. Jeder nimmt jeweils einen Schluck aus der einen  und dann einen Schluck aus der anderen Pulle. Nachgespült wird mit Bier und am Alex machen nun drei derUK-Ladies, zwei von ihnen übrigens im Minikleid (bei drei Gard unter Null), auch noch jeweils ne Piccolo Sekt auf.  Nun ist der U-Bahn-Cocktail perfekt. Bier-Wodka-O-Saft-Sekt. Und wieder kreist die Wodka-Pulle und am Senefelderplatz ist diese dann auch leer. Wie auch die jeweils zweite Flasche Bier, die Piccolöchen sowieso. Schönhauser Allee ist für die Briten Endstation, sie steigen aus. Draußen auf dem Bahnsteig öffnen dann alle erst einmal ne Flasche Bier. Ist ja auch anstrengend, so ne U-Bahn-Fahrt.

Schienenersatzverkehr

Sie eilen, sie rennen, sie hetzen, sie drängeln, sie schubsen, sie schieben, sie boxen, sie stolpern. Beim Einsteigen, beim Austeigen, beim Umsteigen. Auf dem Weg zum Bus, zur S-Bahn, zur U-Bahn, zur Regionalbahn, zur Straßenbahn, zum Schienenersatzverkehr, zum Bahnhof, zur Haltestelle. Zum Parkplatz, zur Tiefgarage, zum Aufzug.  Auf Fußwegen, auf Straßen, auf Treppen, auf Rolltreppen, auf Übergängen, auf Brücken, auf Bahnsteigen. Beim Bäcker, beim Fahrkartenkaufen, beim Kaffee kaufen, beim Brötchen holen. Die Menschen. Frühmorgens. Auf dem Weg zur Arbeit. Immer.

Niemals hingegen hetzen Menschen nach Feierabend nach Hause. Am Abend läuft alles gemächlich ab. In der U-Bahn, in der S-Bahn. Ja sogar im Schienenersatzverkehr. Dabei müsste man doch annehmen, dass der Mensch an sich lieber schnell daheim, als schnell auf der Arbeit sein möchte.  Dass er jede freie Minute nach der Arbeit leiber bei seinen Liebsten verbringt, als im Schienenersatzverkehr. Auch so ein Wort. Wie Doppelhaushälfte. Schienenersatzverkehr. Ein Bus, der die Schiene ersetzt.Nicht aber die Bahn. Und überhaupt. Ersatz. Verkehr. Auch schön.

Klaus Wowereit auf dem Weg ins Kanzleramt oder warum gerade ich den ersten Fahrschein vom U-Bahnhof Brandenburger Tor besitze

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Es stand nicht im Protokoll. Aber Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit ließ es sich heute nicht nehmen, bei der ersten Fahrt der neuesten, kürzesten und teuersten U-Bahn der Welt dabei zu sein – der U55. Offiziell gehts erst am Samstag los, die deutsche und internationale Journaille durfte vorab schon mal ne Runde in der Pendelbahn fahren.

Ganze 1800 Meter ist die „Kanzler-U-Bahn“ lang, 320 Millionen Euro hat sie gekostet. Das sind immerhin satte 178.000 Euro pro Gleismeter. Gerade mal drei Stationen hat sie – Brandenburger Tor, Bundestag und Hauptbahnhof. Dazwischen fährt sie nun bis 2017 immer hin und her, bis die Linie einmal ans U-5-Netz angeschlossen ist und wir vom Hauptbahnhof über den Alex bis nach Hönow fahren können. Aber das dauert noch etwas.

Heute jedenfalls war Medien-Fahrt und alle waren gekommen. Scheinbar alle Zeitungen des Landes, alle Schülerzeitungen dazu, die BVG- und Bahnspotterblätter sowieso. Und alle stürzten sich auf Wowereit, als wenn es keine Fotos von ihm geben würde. Aber gut, er war ja auf dem Weg ins Kanzleramt. Wenn auch nur mit der U-Bahn, immerhin.

Und während sich die Meute auf ihn und in die U-Bahn stürzte, habe ich den ersten BVG-Fahrschein am Brandenburger Tor abgestempelt. So war ich nicht nur der einzige mit gültigem Fahrschein, sondern besitze nun auch das erste BVG-Ticket vom U-Bahnhof Brandenburger Tor.

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Schleifende Tram-Bremse

Heute Vormittag war ich wieder einmal Zeuge. Zeuge einer „Schicht-Übergabe“ in der Straßenbahn, oder Tram, wie die Berliner sagen. Also der Fahrerwechsel sozusagen. Und dabei fiel mir ein, dass ich schon viele solcher Übergaben gesehen und gehört habe. Niemals jedoch mit den Worten: „Alles okay, gute Fahrt.“

Der in den Feierabend gehende Fahrer musste dem ablösenden Fahrer bisher immer irgendwelche Mängel nennen. Heute waren die Worte etwa: „Die Bremse schleift, kommt aber irgendwann. Das Pedal klemmt ganz schön und (irgendeine) Lampe funktioniert gar nicht.“ Anfang Januar hatte ich gehört: „Hinten rumpelt was. Der … macht wohl nicht mehr lange.“

Da muss ich mich ernsthaft fragen: Sind unsere Bahnen sicher? Kann man der BVG noch trauen? Besonders jetzt, da man den Verkehrsbetrieben auch noch Zuschüsse streichen will. Gibt es überhaupt noch eine Straßenbahn, die völlig in Ordnung ist? Und wie sieht es dann mit den U-Bahnen aus? Und den Bussen? Wie ist es, wenn dort die „Bremse schleift aber irgendwann kommt“?

Irgendwie erinnert mich das an tiefste DDR-Zeiten. Als alle Tatra-Straßenbahnwagen flickgeschustert wurden. Als Ersatzteile Bück- und Mangelware gewesen sind. Das sei nun vorbei, hatte man mir vor mittlerweile knapp 20 Jahren gesagt. Da hat sich wohl jemand gewaltig geirrt.

Okay, den Februar nehm ich noch mit. Dann geht´s wieder mit dem Fahrrad zur Arbeit. Weit weg von allen Bus- und Tram-Spuren.

bahn01Schleifende Bremse, klemmendes Pedal?

Viel Streik um nichts (außer Tariferhöhungen)

So, so. Die Parteien im Tarifkonflikt bei den Berliner Verkehrsbetrieben haben sich also geeinigt. Nach wochenlangen Streiks in den Werkstätten, bei den Bussen oder gar beim Komplett-Ausfall aller Bahnen und Busse. Zwölf Prozent, schrie Ver.di. Darunter geht nichts. Höchstens der Streik. Viel zu viel, antwortete Finanzsenator Sarrazin. Jedes Mal. Und Ver.di blieb stur. So wie sich das für eine Gewerkschaft gehört.

Und jetzt? Jetzt haben sie sich geeinigt. Auf 4,6 Prozent Lohnerhöhung. Das ist nicht einmal die Hälfte der eigentlichen Forderung. Von zwölf Prozent ist keine Rede mehr . Ist Ver.di zusammengebrochen? Eingeknickt? Oder gab es einen Deal? So ein Deal im Hinterzimmer, zwischen BVG und Ver.di?

Jubeln tut jedenfalls keiner. Die BVG nicht, weil 4,6 Prozent auch ein paar Millionen Mehrausgaben bedeuten. Verdi nicht, weil das Ziel komplett verfehlt wurde. Die BVG-Mitarbeiter nicht, weil sie längts nicht den Lohn bekommen, den sie einst gefordert haben.

Und erst recht nicht die Fahrgäste. Die mussten in den letzten Wochen auf den öffentlichen Nahverkehr verzichten und dürfen dafür ab demnächst wieder höhere Tarife zahlen. Das nenn ich Betrug. Oder Beschiss. Oder beides.

Ein Scheißjob

„Busfahrer ist ein Scheißjob“. Frank Peters (56) weiß wovon er spricht. Seit zwanzig Jahren sitzt er auf dem Bock, seit knapp acht Jahren fährt er Linienbus in Berlin. Als Subunternehmer für die Berliner Verkehrsbetriebe BVG.  Deshalb muss er auch jetzt Bus fahren. Wo doch alle anderen streiken.

Ein Streikbrecher wider Willen. „Ick verdiene weniger als die streikenden Kollegen, verliere demnächst meinen Job und darf als Dankeschön die Drecksarbeit für die BVG machen.“ Peters hat die Schnauze so richtig voll. „Die da oben in der BVG-Chefetage wissen nichts über den Job eines Busfahrers. Rein gar nichts.“

„Wir sind im Gegensatz zu U- und Straßenbahnen die einzigen Fahrer ohne Schutzkabine. Wir werden angepöbelt, geschlagen, bespuckt. Dabei sollen wir sicher durch den Berliner Verkehr kommen, Tickets verkaufen und gleichzeitig kontrollieren. Wir müssen Auskunft geben und manchmal den Stadtführer spielen. Alles in allem ist Busfahrer ein Scheißjob.“

Letztens gab es Zoff, hinten im Bus. Peters hielt an, ging zum Schlichten nach hinten. Türkische und deutsche Jugendliche waren aneinander geraten. Zum Glück konnte er sie auseinander bringen. Allein, die Fahrgäste hielten sich zurück. Als er wieder nach vorne kam, war seine Ticket-Kasse ausgeräumt. 200 Euro waren weg. 20 Fahrgäste saßen daneben. Keiner hatte etwas gesehen. 

Peters arbeitet jeden Monat mindestens 192 Stunden, für jeweils 10 Euro. Bei der BVG würde er mehr verdienen aber 30 Stunden weniger arbeiten. Doch auch „Scheißjob“ ist er bald los, in drei Wochen ist Schluss. Weil die BVG zu viele Fremdfirmen beschäftigt, trennte man sich von zwei Subunternehmen. Peters Firma hat ab 1. April keinen Hauptauftraggeber mehr. 45 Busfahrer und zwanzig gelbe Linienbusse stehen dann auf der Straße bzw. auf dem Hof. 

Peters hat einen neuen Job. „Nach etlichen Bewerbungen habe ich eine Anstellung als Lkw-Fahrer bekommen.“ Dafür muss er jetzt seine Freizeit opfern. Denn nach Feierabend macht Peters Probefahrten mit dem Lkw. „Damit im April die Umstellung nicht so schwer fällt.“

Schwer wird es ohnehin. „Ich habe dann 500 Euro weniger. Ich weiß noch nicht, wie ich das meiner Bank beibringen soll. Die wartet doch jeden Monat auf meine Kreditrate.“ Am liebsten würde er Berlin verlassen. Aber das geht nicht. Seine Familie ist hier, sein Frau und sein 16jähriger Sohn. „Die brauchen mich doch.“

Manche seiner Kollegen haben sich fürs Weggehen entschieden. „Einige gehen als Busfahrer in die Schweiz. Für 24 Euro  pro Stunde. Plus Spesen.“

 

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Peters auf seinem „Bock“, einem Berliner Linienbus                         Foto: Purschke

Farbenspiele

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Solch Farbenspiele wird es wohl am Alexanderplatz die nächsten Tage nicht geben. Das kann lediglich der Photoshop. Dafür aber wird es genau so leer werden. Denn bei den Berliner Verkehrsbetrieben wird zehn Tage lang gestreikt. Die U-Bahnhöfe bleiben also geschlossen. Und so wird auch über diese Treppenstufen am Alex tagelang niemand gehen. Schade eigentlich. Ist doch immer wieder ein schöner Anblick, wenn man dort aus den U2-Katakomben ans Tageslicht steigt. Für mich zumindest.

Kluger Hund & doofe Glatze

Sooo cool ist Berlin. Zumindest manches Mal. Heute zum Beispiel. In der S-Bahn. Friedrichstraße Richtung Pankow. Die Stimmung ist gut, die Bahn rammelvoll. Die BVG streikt. Deshalb fährt alles mit S-Bahnen. Deren Fahrer nicht streiken. Weil die ja zur Bahn und nicht zur BVG gehören. Aber egal.

In der Bahn jedenfalls viele Touristen. Direkt neben mir dem Slang nach drei Amerikaner. Dahinter eine Gruppe junger Italiener. Eine Schulklasse vielleicht. Der Rest in der Bahn sind scheinbar Berliner. Auf dem Weg nach Hause. Oder anderswo hin. Und dann steigen sie ein. Ein Deutscher Schäferhund und ein kleiner Typ (Anfang 30) mit ner Glatze. Nicht nur mit ner Glatze. Auch mit Bomberjacke, mit Armen so dick wie Fahrradspeichen, Springerstiefeln und soviel Hirn wie Haare auf dem Kopf. Das komplette Programm also.

Und Glatze hatte sich wohl Mut angetrunken. Es roch jedenfalls so. Sonst hätte er kaum angefangen zu reden. So ganz alleine mit Hund. „Janz schön viel Jesockse hier drinne. Habt ihr kein Zuhause, ihr Kalemucken?“ Niemand reagiert. Nur sein Hund. Der schaut fragend hoch. Dann wird Glatze lauter. „Janz schön viele Palemucken hier, wat“, schreit Glatze durch den Wagen. Alle drehen sich nach Glatze um. Palemucken oder Kalemucken oder was? Was will der? Doch Glatze legt noch einen hinterher: „Dürft ihr überhaupt in ner deutschen Bahn mitfahren?“ fragt er lautstark in Richtung der Amerikaner.

Als erstes reagiert nur der Hund. Der schüttelt nur den Kopf. Dann fängt es an mit Raunen. „Nu mach ma halblang und sei leise“, kommt es von irgendwo her. Aus der anderen Richtung drängelt eine Frau in Richtung Ausgang. Typ Wäschefrau, jemalt von Heinrich Zille. Als sie neben Glatze steht, sagt sie zu ihm: „Hör ma zu mein Kleena. Anne nächste Station steigste ma schön aus. Oda ick muss mir mit dir in Ruhe untahalten. Und det übalebste nich.“ Und zum Hund gewandt: „Armer Kleena. Hastes nich leicht, wa?“ Die Bahn feiert. Nur einer nicht. Glatze protestiert, aber nur leise in sich hinein. Doch es kommt noch besser.

Kurz vor dem Bahnhof Gesundbrunnen dreht sich auf einmal einer der drei Amerikaner um, hockt sich neben Glatze und streichelt den Hund. Was diesem sichtlich gefällt. Glatze natürlich nicht. Dann fragt der vermeintliche US-Tourist im besten Deutsch: „Sag mal, Hund, ist das neben dir eigentlich ein echter deutscher Neonazi?“ Der Hund guckt ihn mit großen Augen an. Und schüttelt den Kopf. Die Stimmung steigt. Glatze will noch einmal das Wort erheben, aber da gehen die Türten auf. Hund zerrt an der Leine und Glatze so aus der Bahn.

Vom Bahnsteig aus ruft Glatze noch verschiedene Sachen in Richtung Bahn. Doch Hund zieht ihn immer weiter in Richtung Ausgang. Sicher, weil er pinkeln muss. Oder weil er klüger ist. Oder beides.

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Wenn Hunde selbst entscheiden dürften, aus wessen Napf sie saufen, müsste Glatze alleine S-Bahn fahren.