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Nur eben keine Westautos

Freitagabend in der „Frohen Aussicht“ in Marzahn-Hellersdorf. Wirtin Karin hat viel zu tun, das Lokal ist voll und im Hinterzimmer hat sich der Stammtisch Operativer Einsatz eingefunden. Walter Z. (78), der alte Plattenbau-IM, der einstige Führungsoffizier Herbert K. (75), Günter P. (77), Major a.D. des Ministeriums für Staatssicherheit, NVA- Oberstleutnant a.D. Eberhard K. (80)  und natürlich Illjuschin (Alter und Nachname unbekannt), der Kopf der alten Kämpfer. Seit einem Jahr ist Franz D. (81) dabei, einst Generalmajor des Ministeriums für Staatssicherheit und dort enger Mitarbeiter Schalck-Golodkowskis in der AG BKK (Arbeitsgruppe Bereich Kommerzielle Koordinierung) im Zuständigkeitsbereich der Bezirke Rostock, Schwerin und Neubrandenburg. D. war nach dem Tod seiner Frau vor zwei Jahren nach Berlin gezogen und hatte in alten Akten (die er 1989 persönlich gerettet hatte) herausgefunden, wohin man in Berlin als alter Stasi-Kämpfer ziehen muss: fußläufig zur „Frohen Aussicht“.

„Karin, mach mal ne Runde auf meinen Zettel“, sagt Franz D. ganz im alten Befehlston, den er sich partout nicht abgewöhnen kann. Die Wirtin kennt das aber und hat sich längst daran gewöhnt. Dafür schauen ihn alle anderen OE-Stammtischler verwundert an. „Wat n mit Dir los, Franz? Haste im Lotto jewonnen?“, fragt Walter Z. „Oda jibs die Runde uff dein neues Auto. Ick habs jestan jesehn. Schämste dir wenigstens ein bisschen?“, fügt er an. Franz D. nickt. „Zu meiner Verteidigung: Ich habe es nicht gekauft. Es ist ein Erbstück.“ Eberhard K. schüttelt ungläubig den Kopf. „Wat und vor allem von wem willst du denn erben? Mit deinen 80 Lenzen?“ Bevor Franz D. antworten kann, kommt Karin dazwischen und stellt sechs 0,3er Pils und sechs einfache Nordhäuser Doko auf den Tisch. „Alles auf mich“, sagt Franz D. und schiebt seinen Bierdeckel an den Tischrand, damit Karin die Runde anstreichen kann.

„Also, dann auf deine Schande“, sagt nun Illjuschin, der sonst wenig sagt oder eigentlich gar nichts. Es gibt jedoch Themen, da kann er sich nicht zurückhalten. „Naja, Schande ist wohl ein bisschen übertrieben, oder? Und jetzt erst einmal Prost“, sagt Franz D, der dabei an das Auto denkt, das seit drei Tagen ihm gehört. „Eine Cousine im Westen hat mich als Erben eingesetzt, da ich ihr letzter Verwandter war“, begründet Franz D. nun die Neuanschaffung. „Du meinst Klara?“, hakt Günter P. nach. „Die meine ich. Aber woher kennst du denn die Klara?“, fragt Franz D. und wird sich im gleichen Moment wieder bewusst, mit wem er am Tisch sitzt. Günter P. runzelt die Stirn. „Klara, geborene Schultze, verheiratete Peters. Keine Kinder. Lehrerin für Staatsbürgerkunde und Geschichte an der Polytechnischen Oberschule Klement Gottwald in Halle Neustadt. 1992 Republikflucht, also Umzug nach Rendsburg. Richtig, oder?“ fragt Günter P. und klopft dabei Franz D. auf die Schulter. „Wir wollen doch wissen, mit wem wir am Tisch sitzen“, sagt Herbert K. und zwinkert Franz D. zu.

„Und wat willste nun damit machen? Mit dem Westauto?“, fragt jetzt Walter Z. und zeigt mit dem halbleeren Bierglas auf Franz D. „Äh, ich werde, ähm, den Mercedes natürlich schnellstmöglich verkaufen. Und der Erlös, ähm, wird zum Teil, ähm, in die Stammtisch-Kasse fließen“, stottert Franz D. und bestellt zum Zeichen seiner Einsicht noch eine Runde Pils und Doppelkorn für die Lada und Saporoshez fahrenden Genossen vom Stammtisch Operativer Einsatz. Ein Stammtisch, bei dem fast alles (aus dem Osten) erlaubt ist. Nur eben keine Westautos.

Mehr vom Stammtisch gibt es hier.

 

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Stammtisch-Satire

kommentare_stasi_opEs ist doch immer wieder schön, wenn (meine) Stammtisch-Satire die Biergläser erklingen lässt und so mancher Mitbürger der Meinung ist, das wäre alles keine. Der macht ja gar keine Witze. Der meint das alles ernst. Das ist alles so gar nicht erfunden. Das stimmt ja alles und überhaupt.

Doch so ist es eben nicht meine Damen und Herren. Alle Jahre wieder muss ich das dementieren. Was immer wieder belustigend ist. Besondere Aufmerksamkeit bitte ich jetzt bei den Menschen S. und M.S.! Ich gebe zu: Ich habe alles erfunden. Alles Satire. Natürlich hat jede Satiere, und somit auch meine, einen ernsten oder halbernsten oder nicht ganz so ernsten oder überhaupt einen Hintergrund. Wo sollte sie sonst auch herkommen, die Satire. Muss ja irgendwo existieren. Komplett erfundene Geschichten sind keine Satire. Können keine sein. Ich kann Ihnen versichern, dass der Stammtisch OE so nicht existiert. Auch das Lokal habe ich mir ausgedacht, die Wirtin und alle Beteiligten. Und noch eins, Herr S.: Ich hatte zwar irgendwie mit der Stasi zu tun. Jedoch nicht, wie Sie sich das vorstellen (siehe unten).

stasi_akte_auszug_002Da gibt es übrigens eine Gemeinsamkeit: Auch damals schon gab es Leute, die so einiges verwechselt haben: Zu jener Zeit kannte man wohl den Unterschied zwischen Aufregung und Erregung nicht (was für ne arme Socke). Aber kein Grund zur Aufregung. Ist lange her. Eins steht aber auch fest: Das damals war keine Satire. Im Gegensatz zum Stammtisch Operativer Einsatz.

Alles Gute zum 60., liebe Julia!

Alles Gute zum 60., liebe Julia! Gern hätten ich (und andere) heute mit Dir gefeiert. Warum bist Du nur gegangen? Ich hatte Pläne. Sooo viele Pläne. Und Ideen. Und, und, und. Du hast uns verlassen, aber nicht unsere Herzen. Darin lebst Du weiter fort. Und natürlich in Deiner Tochter. Sie hätte Dich heute gern umarmt.

Hier nochmal mein Post für Julia von 2009:

Es lief im Radio. Letzte Woche. Selten, dass sie mal Renft spielen. Aber letzte Woche lief es, das Lied. Und plötzlich waren alle Erinnerungen wieder da. Glasklar. Als wenn es gestern gewesen wäre.

Sie hieß Julia. Kurze, rote Struwwelhaare, grüne Augen. Zerrissene Jeans, kunterbuntes, selbst bemaltes T-Shirt, Parka. Sie war 32, fast zehn Jahre älter als ich damals. Im Turm, dem Studentenklub von Halle, hatten wir uns kennengelernt. Wir waren die letzten Gäste, nach einem Konzert. Ich hatte gerade meine letzte Mark für ein Bier ausgegeben. Sie ihre letzten Pfennige für ein Schmalzbrot. Wir haben beides geteilt. Und sind danach durchs dunkle Halle zu ihr gelaufen.  In einer eisigen Winternacht.

Altbau Hinterhaus, zweiter Stock. Dunkle Kälte. Strom hab ich schon lange nicht mehr, sagte sie, zündete Kerzen an. Und den Gasherd. Bei offener Klappe kam so etwas Wärme in die Küche. Kohlen kommen erst nächste Woche. Wenn ich sie bezahlen kann. Julia ging nicht arbeiten. War bei der Stadt als “kriminell gefährdet” eingestuft.  Aber die lassen mich in Ruhe, sagte sie. Weil ich plem plem bin. Plem plem? War in der Irrenanstalt. In Altscherbitz. Wollen wir nicht über was anderes reden? Klar, sagte ich.

Wir redeten bis zum Morgen. Und tranken Wein. Selbstgemachten Kirschwein. Aus einem großen Ballon, der neben dem Küchentisch stand. Und Julia erzählte doch noch ihre Geschichte. Von Schlägen daheim, vom Kinderheim, von Lügen. Lügen ihrer Mutter. Die nicht wahr haben wollte, was der Vater jahrelang mit der Tochter gemacht hatte. Niemand hatte ihr geglaubt. Deshalb wurde sie eingewiesen.  Dort, sagte sie, hat man wenigstens so getan, als ob man mir glauben würde. Glaubst Du mir? Fragte Julia beim Abschied und bevor ich antworten konnte – sag jetzt lieber nichts. Und vergiss mich, so eine wie mich, so eine hat man nicht als Freundin.

Ich konnte sie natürlich nicht vergessen. Hab sie hin und wieder besucht. Mit ihr die Kohlen in den Keller getragen. Kirschen gepflückt, für den neuen Wein. Nächtelang in der Küche gesessen. Dann fragte sie mich, ob ich denn die Gitarre mal mitbringen könne. Sie hätte mich da letztens spielen sehen, in der Band, beim Straßenfest. Als ich mit der Gitarre kam, hatte Julia gekocht. Kartoffelsuppe mit Wiener Würstchen. Die beste Kartoffelsuppe, die ich je gegessen habe. Kannst Du “Als ich wie ein Vogel war” singen? Klar konnte ich. Renft, das gehörte zum Standartrepertoire. Damals.

Julia sang mit. Den Refrain: Irgendwann will jedermann raus aus seiner Haut. Irgendwann denkt er dran, wenn auch nicht laut. Das ist jetzt unser Lied, sagte sie. Wenn ich es in Zukunft höre, denk ich an dich. Und wenn Du es hörst, könntest du ja auch an mich denken. Ach Julia, ich denk doch sowieso oft an dich, sagte ich. Und wollte ihr sagen wie sehr ich oft an sie denken muss. Sie hatte wohl so etwas geahnt, bat mich, jetzt nichts zu sagen und dafür weiter zu spielen. Wir sangen und saßen wieder mal bis zum Morgen.

Es war der letzte Morgen mit Julia. Ein Unfall. Hieß es damals. Heute weiß ich, dass es keiner war. Freunde haben mir später erzählt, dass sie einen Abschiedsbrief hinterlassen hatte. Irgendwann will jedermann raus aus seiner Haut. Irgendwann denkt er dran, wenn auch nicht laut. Stand darauf.

Operation Heraklion

lada_taiga_01a„Haste Ouzo jeholt?“, ruft Walter schon an der Tür in Richtung Tresen, als er das Lokal „Frohe Aussicht“ in Marzahn-Hellersdorf betritt. Wirtin Karin nickt ihm von Weitem zu. „Klar, habter doch letzte Woche bestellt. Also hab ick Ouzo  jekooft. Sojar drei Sorten. Könnter gleich testen“. Walter Z. (76), der alte Plattenbau-IM, hinkt durchs Lokal (Folgen eines Sturzes bei der Schrebergartenarbeit) und schiebt zwischen Herrentoilette und Tresen den Vorhang beiseite. Die Tür dahinter steht offen und Walter betritt das Hinterzimmer der „Frohen Aussicht“. Er ist heute der erste vom Stammtisch Operativer Einsatz. Hier treffen sie sich jeden Freitag. Und das nun schon seit knapp 40 Jahren.

Zum Stamm gehören neben Walter der einstige Führungsoffizier Herbert K. (73, auch heute noch der Stratege), Günter P. (77), Major a.D. des Ministeriums für Staatssicherheit und seit drei Tagen stolzer Besitzer eines nagelneuen Lada Taiga Jagd „Stark im Revier“ (deshalb will er heute eine Runde Wodka schmeißen, wird aber wohl wegen des aktuellen Anlasses eher eine Runde Ouzo werden, davon weiß er aber noch nichts), NVA- Oberstleutnant a.D. Eberhard W. (80)  und natürlich Illjuschin (Alter unbekannt, geschätzt Mitte 70), der Kopf der alten Kämpfer.

stasi_emblem_ddrUm Aufnahme in die Stammtischrunde buhlt seit einigen Wochen Franz D. (79), einst Generalmajor des Ministeriums für Staatssicherheit und dort enger Mitarbeiter Schalck-Golodkowskis in der AG BKK (Arbeitsgruppe Bereich Kommerzielle Koordinierung) im Zuständigkeitsbereich der Bezirke Rostock, Schwerin und Neubrandenburg (heute Mecklenburg-Vorpommern). D. lebte bis vor Kurzem noch in Rottach-Egern als Nachbar seines ehemaligen Chefs. Nach dessen Tod zog es D. nun in die alte DDR-Hauptstadt, um wieder „unter seinesgleichen zu sein“, wie er seinen Umzug nach Berlin begründet hatte. Die Stammtischler wollen heute über seinen Antrag entscheiden.

Kurz nach der Ankunft von Walter Z. sind nun auch alle anderen im Hinterzimmer der „Frohen Aussicht“ eingetroffen.  Jeder hat ein 0,25-Liter Pils vor sich stehen, natürlich gezapft in die alten unkaputtbaren Gläser, die Wirtin Karin exklusiv für die Herren des Stammtisches aus dem Schrank holt. Wie früher eben. Fast. Der Unterschied liegt im Preis. Als der Stammtisch 1975 gegründet wurde, kostete hier das 0,25er Helle 40 Pfennige. Das Helle ist nun ein Pils und schlägt pro Glas mit 1,90 Euro zu Buche. „Zum Wohl, meine Herren, diese Runde geht auf mich. Und es soll nicht die letzte sein“, schmettert Franz D. in die Runde. Die anderen nicken ihm kurz zu, prosten sich gegenseitig zu und trinken das erste Pils traditionell auf ex. Karin steht derweil mit der nächsten Runde bereit und schon haben wieder alle ein volles Glas.

Günter P. ergreift das Wort. „Also, meine Herren. Wie habt ihr euch entschieden? Sollten wir Franz in unsere Runde aufnehmen? Ich jedenfalls bin dafür.“ Die anderen am Tisch murmeln zustimmend und Stratege Herbert hebt beide Hände. Sofort ist Ruhe in der Runde. „Ich würde sagen“, setzt Herbert an, „als letzten Treuebeweis sollte Franz die Operation Heraklion durchführen. Dann wissen wir genau, ob er zu uns passt oder eher nicht. Was sagt ihr dazu?“ „Das ist ein Wort, so machen wir das“, antwortet Illjuschin. Alle anderen nicken. „Operation Heraklion?“, fragt Franz D. vorsichtig und schaut fragend in die Runde.  „Du weißt nicht, worum es geht?“, fragt Eberhard W. und schaut Franz zweifelnd an. „Also wenn ich ehrlich sein soll…“

„Keine Bange“, ruft im selben Moment Karin, die mit einem Tablett gefüllter Schnapsgläser das Hinterzimmer betritt. „Du musst heute Abend eben nur alle Schnäpse bezahlen“, sagt die Wirtin und stellt jedem drei gefüllte 2-cl-Gläser auf den Tisch. „Das mach ich gerne, Genossen“, sagt Franz und erhebt eines der Schnapsgläser. „Aber warum Heraklion?“ „Trink nur, dann wirst du es schon merken“, sagt Herbert und schüttet sich den ersten Ouzo hinter die Binde. Drei Stunden später sind drei Flaschen Ouzo geleert, die Stammtischler sind betrunkener als gewöhnlich, der Lada Taiga Jagd ist getauft und Franz D. ist „ehrenhaft“ in die Runde aufgenommen. Mit Spannung erwarten seine neuen alten Genossen die Geschichten aus der AG BKK. So, wie wir auch.

(Fortsetzung folgt…)

Stottert bei Erregung

Welche Spuren meine „Beschäftigungen“ als Musiker und Jugenklub-Mitglied zu sehen waren, zeigt ein neuer Auszug aus meiner Stasi-Akte, die nun wieder 40 Blätter umfangreicher geworden ist… Dass ich über westliche Zahlungsmittel verfügt haben soll, ist mir damals entgangen.

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Zitat des Tages

„Die Ausspähung meiner Privatsphäre und die meiner Familie zwischen 1983 und 1989 durch insgesamt fünf Mitarbeiter der Stasi hat mir einen, wenn auch nur leichten, psychischen Schaden zugefügt, dessen Heilungsprozess mehrere Jahre in Anspruch genommen hat, ganz abgesehen von anderen Maßnahmen gegen mich wie das Berlin-Verbot, das Ausreiseverbot in die ČSSR oder nach Polen, der Ersatzpersonalausweis PM 12, das wöchentliche Angebot der Stasi, für die Stasi zu arbeiten („Und Sie könnten heute noch nach Hause fahren!“), während meines unfreiwilligen Aufenthaltes in der JVA Unterwellenborn oder die unfassbaren Maßregelungen meiner Eltern durch DDR-Behörden. Ich glaube deshalb nicht, dass die Ausspähung meiner Privatsphäre, genauer die nutzungsabhängige Werbeeinblendung von Facebook, da auch nur im Geringsten herankommt. Also mir persönlich geht die ganze Diskussion um neue Nutzungsbedingungen bei Facebook am Arsch vorbei.“

berlinpankowblogger, 30. Januar 2015

Keine Wahl

Freitagabend in Marzahn-Hellersdorf. Die „Frohe Aussicht“ ist gut besucht. Hinter der Theke natürlich, wie jeden Freitag (und Samstag) die Karin. Hat sich heute ein Dirndl angezogen. Mit einem tiefen Ausschnitt. Der sorgt für Umsatz. Denkt Karin. Und hat Recht.  Zumindest Paule und Mucki leisten sich heute mal wieder Molle und Korn. Sitzen am Tresen und haben vor lauter Dekolleté-Anstarren ganz vergessen, sich die neusten Storys aus dem Jobcenter zu erzählen. Am Tisch neben der Tür, wo sonst der blinde Rentner mit Mischlingshündin Cindy sitzt, gucken zwei, scheinbar verirrte, asiatische Touristen in die Speisekarte, die ihnen Karin gebracht hat. Handgeschrieben. „Vastehta deutsch? Denn kann icke Euch och sagen, wat heute vonne Küche kommen tut. Schnipo, Bowu, Curry oda Bulette mit Kartoffelsalat. Nich hausjemacht. Dit kann icke mir nich mehr leisten.“

Die beiden Asiaten schütteln den Kopf und zeigen auf die Currywurst, die Manne grad am Nachbartisch mampft und auf das Hefeweizenglas auf dem Fensterbrett, in dem (schon immer, eigentlich. Oder nicht?) drei rote Stoffnelken stecken. „Also zwee ma Curry und zwee Hefe. Bring ick Euch.“
Karin saust hinter die Theke, ruft in Richtung Küche „Harry, zweema Curry mit Pommes“ und verschwindet dann hinter dem schweren vergilbten Stoffvorhang, hinter dem sich das Hinterzimmer befindet. Dort sitzen, auch wie jeden Freitag (und das schon seit Mitte der 80er),  die Herren vom Stammtisch Operativer Einsatz: Günter P. (75), Major a.D. des Ministeriums für Staatssicherheit, NVA- Oberstleutnant a.D. Eberhard W. (78),  Herbert K. (71), der alte Führungs-Stratege,  Plattenbau-IM Walter Z. (74) und natürlich Illjuschin (Alter unbekannt, geschätzt Anfang 70), der Kopf der alten Kämpfer.

„Na, wolln die Herren noch ein Ründchen?“ fragt Karin und sammelt die leeren Biertulpen ein. „Ja, mach mal, Schätzchen“, sagt der Herbert, „die Runde jeht uff mich.“ Die anderen Strategen schauen ihren Kampf- und Weggefährten etwas verwundert an. „Haste im Lotto jewonn? Oda jehts in Urlaub?“, fragt Walter, währenstasi_emblem_ddrd er sich Notizen in seinem kleinen Schreibblock macht. Das hat er sich noch nicht abgewöhnen können. Seitdem er in seiner Platte nicht mehr offiziell als IM arbeiten darf und kann, schreibt Z. alles privat auf. Über seine Nachbarn, über die Russen im Haus gegenüber, wann wer mit welchem Auto ankommt und abfährt, wer mit wem sich unterhält. Hier, beim Stammtisch, ist er deshalb zum Schriftführer ernannt worden. Und kann deshalb für fast alle Stammtisch-Treffen sagen, wer wieviel getrunken, gegessen, wer bezahlt hat. Seine Stammtischprotokolle sind  inzwischen mehrere Aktenordner lang. Denn Walter Z. schreibt dann zuhause alles noch einmal mit seiner Erika-Schreibmaschine ab und heftet es ordentlich ab, geordnet nach Namen und Alphabet. Von Computern hält Z. nichts. „Errungenschaften des Imperialismus kommen nicht in mein Heim“, pflegt er zu sagen. Obwohl natürlich auch er Ausnahmen macht. Wie könnte er sonst Opel Astra fahren?

„Nein“, sagt der Herbert. „Ick wollte nur mal ne Runde jeben, um mit Euch nochmal auf unseren erfolgreichen Wahlkampf anzustoßen. Der Osten wählt rot – das haben wir den Parteijenossen doch wieder einmal jut untajejubelt, oda?“ Die Stammtisch-Genossen nicken beifällig. „Aba noch is ja nich jewählt“,  mein Eberhard und verteilt die Biertulpen und Körnchen vom Tablett, das Karin („macht mal selba“) auf den Tisch gestellt hatte.  „Und doch bin icke übazeugt, dass wir die 47,7 Prozentchen von 2009 übabieten werden hier im Bezirk. Und nun erst ma Prösterchen.“ Die Genossen halten die Gläser nach alter Tradition mit angewinkeltem Arm ein paar Sekunden fest, schauen sich alle gegenseitig in die Augen (außer Günter, der sieht fast nichts mehr) und kippen dann die Körnchen ex hinunter.

„Nun mal aber ganz im Ernst. Warum seid Ihr so überzeugt, dass wir das Ergebnis von 2009 überbieten werden“, fragt nun Illjuschin, der sonst weniger und meistens gar nichts sagt. „Nun“, beginnt Walter, „wir haben dieses Jahr die Kampagne `Keine Wahl´ gestartet. Und die looft perfekt.“ Illjuschin schaut Walter fragend an. „Dit kann Dir Herbertchen bessa erklärn.“ Herbert nimmt noch ein Schlückchen Pils, schaut einmal ernst in die Runde und lächelt dann wissend: „Walter hat inzwischen Protokolle über alle, die in seinem Kiez wohnen. Und die meisten haben Dreck am Stecken. So sind wir in den letzten Wochen allesamt von Tür zu Tür und haben den Leuten erklärt: Entweder Ihr wählt Links, oder das eine oder andere sickert bei der Familie, beim Vermieter, beim Ehepartner oder gar bei der Zeitung durch. Ihr habt also keine Wahl. Und damit die uns nicht bescheißen, hatten wir natürlich gleich alle Briefwahl-Unterlagen dabei, die wir in deren Namen vorher schon bestellt hatten.“

„Mhm. Das schein mir mal wieder eine ordentliche Operation zu sein. Erinnert mich an die gute alte Zeit, damals, vor 89.  Glückwunsch Genossen“, sagt Illjuschin. Und: „Die nächste Runde geht auf mich. Ihr habt keine Wahl.“

Stasi Home

Da laden sie sich die Facebook-App Home auf ihre Handys und beschweren sich über die Methoden der Stasi. Da komm ich nicht mehr mit.

Hohe Maßstäbe an den Wert gesetzt

Es kommt ja immer mal wieder vor, dass man nicht nur von den guten alten, sondern auch von den weniger guten alten Zeit spricht. So war ich dieser Tage mit einem Freund aus Erfurt bei einem Metalkonzert in einem Berliner Club, währenddessen wir eben auch auf jene Zeit zu sprechen kamen. Und nun, zwei Wochen später, fiel mir auch noch beim aufräumen ein Teil meier Akte in die Hände. Schön, dass man heute darüber lachen kann. Für alle die mitlachen wollen, hier ein paar der schönsten Sätze eines Autors, dessen Authentizität ich bis heute nicht klären konnte. Ich habe Vermutungen, aber die wurden nie so richtig bestätigt. Inzwischen ist es aber auch egal (in Klammern kommentiere ich falsche Behauptungen). Und ab und an kann einem das Lachen auch heute noch vergehen:

Ermittlungsbericht. Halle, den 25. Januar 1988

Politische Haltung, gesellschaftliche Aktivitäten

Der K. erhielt durch seien Eltern eine positive Erziehung im Sinne der gesellschaftlichen Entwicklung in der DDR. Als Schüler in der Oberschule gehörte er der FDJ an. An der Bezirksmusikschule Halle, dem Konservatorium „Georg-Friedrich-Händel“, erhielt er eine abgeschlossene Ausbildung auf dem Instrument Violine (FALSCH. Violine lernte ich in Merseburg, in Halle lernte ich Gitarre). Während dieser Ausbildung wurde er zu vielen gesellschaftlichen Höhepunkten in der DDR delegiert, um als Musikschaffender teilnehmen zu können (hihihi)…

…Seit ca. 1986 änderte er sich zunehmend ins einem Charakter und in seiner politischen Haltung. Während seiner Lehrzeit war er mit zwei weiteren Lehrlingen mehrere Tage in der VR Ungarn. Im Jugendclub erzählte der K. dann, daß er von dem Konsumgüterangebot in Ungarn erfreut war und er wäre der Meinung daß alles dort viel besser wäre als in der DDR, zumal die vieles aus der Produktion westlicher Länder haben.

In weiteren Gesprächen mit dem K. kam dann zum Ausdruck, daß er sich durch negative Meinungen beeinflussen lässt, ohne dabei die Hintergründe zu erkennen. Zu Veranstaltungen von Volkloregruppen (Folklore mit V geschrieben lässt vermuten, dass es ein Volkspolizist geschrieben hat) reiste der K. oft nach Erfurt (FALSCH. Nach Erfurt fuhr ich meistens zu Feten in der Partywohnung). Selbst erzählte er, daß in seiner Musikgruppe 72 Musiker aus der ganzen DDR mitwirken (da hat einer das Folkfestival mit der Band verwechselt). Viele Teilnehmer sind konfessionell gebunden.

Der K. erzählte dann auch, daß er nur noch seinen Grundwehrdienst ableisten will. Er wäre davon überzeugt, daß man nur noch „Frieden schaffen kann ohne Waffen“. Er will seinen Grudnwehrdienst ohne Waffe ableisten. Auf Hinweise von Jugendlichen, die ihn auf seinen Fehler aufmerksam machten, ging er nicht ein. Es wird von einer Auskunftsperson vermutet, daß der K. von seinen Eltern zu streng erzogen wurde…

…Die Familie K. bewohnt eine 4-Raum-Wohnung in einem Neubau. Alle Zimmer sind modisch und wohnlich eingerichtet. Beim Kauf der Möbel wurden hohe Maßstäbe an den Wert gesetzt. Die Familie ist im Besitz eines PKW Typ „Wartburg“ und eines Gartens (FALSCH. Haben wir nie besessen). In den Sommermonaten an den Wochenenden über hält sich vorallem das Ehepaar im Garten auf. Nähere Angaben hierzu wurden nicht festgestellt. Der K. H. (mein Vater) ist oft außerhalb der Stadft Halle beschäftigt und kommt deshalb unregelmäßig und spät nach Hause. Schwatzhafte Situationen wurden bei den Eltern des K. nicht bekannt…

…Seit ca. Oktober 1987 wohnt der K. ständig in Erfurt. Er soll dort bei einem Mitglied der Volkloregruppe wohnen, der ihm auch eine berufliche Tätigkeit verschaffte (FALSCH). Der K. soll jetzt in einer LPG als Reparaturschlosser arbeiten (FALSCH)…

…Eine Auskunftsperson aus seinem näheren freundschaftlichen Umfeld in Erfurt erzählte, daß der K. bei mehreren Gelegenheiten immer wieder davon gesprochen hätte, daß er den Grundwehrdienst verweigern will. Der Auskunftsperson erzählte der K. außerdem, er hätte Kontakte nach dem NSW. Es würde sich um den L. T. und die V. D. aus Limburg handeln. Hierzu hat die Auskunftsperson weitere Ergebnisse erarbeitet und Ermittlungen durchgeführt…

Gustav und die gepixelten Stasi-Pflanzen

„Ich hab es ja gewusst. Die machen was in Schweinkram. Oder Stasi. Oder Bonzen vonne Essedee.“ Gustav (68) aus Marzahn-Hellersdorf hat es schon immer geahnt. Immer geahnt, dass seine Nachbarn bei der Stasi waren, in der SED. Oder, schlimmer noch, Puffbetreiber sind. Denn alle seine Nachbarn haben ihre Häsuer auf Google Street View pixeln lassen. Was hier eigentlich nicht weiter auffällt. Wo doch sogar Bäume und Sträucher gepixelt sind.

Seit 20 Jahren nun schon versucht der Mann herauszubekommen, was hinter den Gardinen seiner Nachbarn abgeht. Doch das Leben der anderen hier blieb Gustav bisher verborgen. Denn als Versicherungsvertreter aus Düsseldorf-Mörsenbroich hat man es nicht leicht, in Marzahn-Hellersdorf. Nicht mehr jedenfalls. 1990 kam der gelernte Rohrleitungsmonteur nach Marzahn. Damals hatte Gustav geahnt, dass seine goldene Zukunft im Osten liegt und sich von Mutti Mercedes und 20.000 D-Mark geliehen. Im Gepäck 500 Blanko-Anträge auf Allianz-Lebensversicherungen. Das bringt mehr, als Rohre zu verlegen, dachte Gustav damals.

Und behielt recht. Innerhalb weniger Wochen hatte Gustav alle Autos, jedes Haus und jedes Leben in seiner Umgebung mehrfach versichert. So manchen Nachbarn hatte er sogar noch Bausparverträge, überteuerte Stereo-Anlagen und Gebrauchtautos verkaufen können. Auch Muttis Benz wechselte für eine fette Summe den Besitzer. Für das Geld bekam Mutti in Düsseldorf-Mörsenbroich einen neuen. Das Geschäft lief blendend. Bald konnte sich Gustav ein Haus in der Marzahner Chaussee kaufen. Mit Leuchtschild: Ihr Experte für Versicherungen aller Art.

Sie kamen nun alle zun ihm, wenn es etwas zu versichern gab. Viele kamen aber auch, um ihre viel zu teure Versicherung zu kündigen. Es kam jedoch niemand, um Gustav einmal privat zu treffen. Ihn einzuladen. Zu Grillabend oder Geburtstagsfeier. Gustav blieb allein. Nun ahnt er, warum. „Die da drüben sind alle beim Stasi gewesen“, erzählte Gustav jüngst daheim bei Muttern in Düsseldorf-Mörsenbroich. Und zeigte ihr auf seinem Macbook, wie sogar Bäume und Sträucher in seiner Straße gepixelt wurden. Vermutlich Ex-Stasi-Abhör-Pflanzen. Sagt Gustav.

Die macht krumme Dinger, hab ich mir gedacht

Was ich gedacht habe, damals am 9. November 89? Ich habe gedacht, das geht schnell wieder vorbei. Das ist eine kleine Wunde. Eine Schramme am Knie, die schnell wieder verheilt. Das wird schon wieder, dachte ich. Aber natürlich hatte ich auch Angst. Angst um unsere große Sache. An der ich doch auch irgendwie beteiligt war. Gut, ich war keiner von denen da oben. Aber ohne mich, da hätten die doch gar nicht gewusst, was los ist. Ob ich mich schuldig fühle? Ja, vielleicht ein bisschen. Aber nicht, was Sie jetzt denken. Eher schuldig, dass ich nicht alles gegeben habe. Dass ich nicht immer ganz die Wahrheit aufgeschrieben habe. Verstehen Sie nicht? Na ganz einfach. Das Leben meiner Bekannten, Kollegen, das war doch eher langweilig. Arbeit, Kneipe, Datsche, Trabi. Am Wochenende in den Garten. Auto waschen, Würtschen grillen, Unkraut jähten, Helles saufen. Was sollte ich da schon aufschreiben? Also habe ich ab und zu mal ein paar Sachen erfunden. Naja, nicht erfunden. Ich habe lediglich meinen Vermutungen etwas mehr Gewicht verliehen. Und was kann ich schon dafür, dass aus meinen Vermutungen dann Tatsachen gemacht wurden?

Der Onkel aus dem Westen. Heimliche Affären mit anderen Frauen. Oder Männern. Staatsfeindliche Äußerungen. Oder auch mal die Anschaffung einer teuren Schrankwand. Nein, nein! Ich wollte denen doch nicht schaden. Ganz im Gegenteil. Ich habe das Leben der anderen etwas spannender gemacht. Habe ihnen sozusagen ein Gesicht gegeben. In ihrer farblos-grauen Umgebung. Wie zum Beispiel der eine aus meinem Haus damals. Achter Stock, Wohnung links. Ein Schlosser, der im Schichtdienst gearbeitet hat. Wie konnte der sich denn einen Wartburg leisten? Mit 650 Mark netto im Monat? Dann war ich mal bei ihm eingeladen. Zu seinem 35. Geburtstag. Weil ich doch der Hausmeister war. Und der Schriftführer vom Hausbuch. Und Vorsitzender der Hausgemeinschaftsleitung. Da hab ich dann seine Plattensammlung gesehen. Queen, Status Quo und Zupfgeigenhansl mit so jüdischer Musik drauf.  Alles Westplatten. Vermutete ich. Das konnte doch nicht mit rechten Dingen zugehen. So ganz ohne Oma im Westen. Da habe ich mir halt meinen Teil gedacht. Und das natürlich auch aufgeschrieben. Na der hat sich vielleicht gewundert, als die Genossen in Zivil an seiner Tür klopften. Hab ihn dann nie wieder gesehen. Was aus ihm geworden ist? Keine Ahnung.

In die Wohnung ist dann die Alleinstehende mit Kind gezogen. Hübsch war die. Und noch so jung. Hatte jedoch ständig Männerbesuche. HWG hieß das in den Berichten. Häufig Wechselnde Geschlechtspartner. Musste aber meine Beobachtungen und Berichte einstellen. Leider. Die hatte wohl einen Verwandten in der SED-Bezirksleitung. Stand sozusagen unter staatlicher Obhut. Ärgerlich. Über die hätte ich Bücher schreiben können. Zum Glück gab es noch genügend andere. In unserem Hochhaus. Karla aus dem dritten Stock, Wohnung Mitte. Nicht mehr ganz so jung. Aber immer noch gut aussehend. Hatte mich ein paar Mal abblitzen lassen. Bei den Hausgemeinschaftsfeiern damals. Also war die auch nicht ganz koscher. Konnte sich teuren Schmuck und Edel-Parfum leisten. Als Köchin in einer Schulmensa. Da hab ich mir gedacht, die macht krumme Dinger. Da hab ich dann geschrieben, dass sie wahrscheinlich zu einer Bande gehört. Diebstahl und so ne Sachen. Später, beim Verhör, hat sich rausgestellt, dass sie eine Erbschaft gemacht hatte. Als sie aus dann der U-Haft kam, hat sie im Hausflur vor allen anderen mit dem Finger auf mich gezeigt. Der ist bei der Stasi, hat sie gesagt. Hat es im ganzen Haus herum erzählt. Diese Schlampe, entschuldigen Sie den Ausdruck. Aber war so.

Was dann kam? Na ich hab weiter gemacht. Obwohl ich nun offiziell nicht mehr inoffizieller Mitarbeiter war. Ich solle mich zurückhalten, sagte mir damals mein Führungsoffizier. Ging persönlich in die Kreisdienststelle. Haben mich nicht reingelassen. Aber nicht mit mir, dachte ich. Hab also weiter alles aufgeschrieben. Schön ordentlich auf meiner Optima. Anfangs noch mit jeweils drei Durchschlägen, wie gewohnt. Später gingen dann die Blaupausen aus. Aber da war es dann auch schon mit der DDR vorbei. Die Berichte hab ich immer noch. Abgeheftet, in Ordnern und nach Namen einsortiert. 130 Aktenordner. Stehen in den Lagerregalen im ehemaligen Hausgemeinschaftsraum. Feten gibt es ja dort nicht mehr. Aber ich hab den Schlüssel noch. Wovon ich jetzt lebe? Rente. Mindestrente. Klage schon seit Jahren gegen dieses Unrecht. Gemeinsam mit meinen Genossen vom Stammtisch. Und jetzt gehen Sie besser. Hab noch zu tun. Unten im vierten Stock sind Russlanddeutsche eingezogen. Zu sechst. In eine Vierraumwohnung. Da ist doch was faul.

Der Osten zeigt, wo es lang geht

Während sich Deutschland nur noch für Chilenisches Metall, Popstars und die Kapriolen eines schweizerischen Wetterfrosches interessiert, haben gewitzte Ost-Unternehmer die Gunst der TV-Glotzstunden genutzt. Als im Fersehen bei parallelen Live-Schaltungen Gerichtsverhandlung, Klimavorghersage, Frauentausch und Minenarbeiter-Rettung liefen, filmte Laura Jedebuisch aus Halle die ganze Stadt. Nach Berlin Street View, was in der Hauptstadt schon für Furore sorgte,  gibt es somit nun auch Halle Street View. Nachdem immer mehr, plötzlich vom Foto getroffene, Deutsche nicht wollten, dass man ihre schmutzige Wäsche und nciht versicherten Luxuskarossen auf Google-Street-View sieht, ergreifen nun andere Deutschewie Jedebusch  die Initiative und filmen selbst.    

„Nur weil hier kaum noch Menschen leben und diese Menschen dann auch nicht über so viele Smartphones und Computer verfügen, klinkt sich Google einfach aus der Einbeziehung alter Kulturstädte wie Halle in sein Street-View-Projekt aus“, ärgerte sich Jedebusch, eine schmucke Brünette, der man die beinharte Geschäftsfrau im ersten Moment kaum ansieht, auf dem Straßen- und Kachelmann-Überwachungsportal ppq. Da zeigt doch der Osten wieder einmal, wo es langgeht.

Besonderes interessiert, an Jedebusch und ihren Filmen, sind nun die Genossen und Brüder vom Stammtisch „Operativer Einsatz“. „Dit müssen wir nutzen. Da ha ick och noch alte Kontakte“, bemerkt Günter P., Stasi-Major a.D. beim dritten Pils in der „Frohen Aussicht“. Und erinnerte seine Stammtisch-Genossen damit an Operation Mimi. P. weiter: „Karl-Jünta heißta. Der war damals unsa Mann in der Eissporthalle an der Peißnitz. Hatte Kellna und Jäste in der Gaststätte Pirouette als operative Ziele. Gleich jejenüba von unsa Einsatzzentrale an der Saale, damals.“ „Juta Mann. Deckname Saaleaue“, erinnert sich auch Stasi-Strateje Herbert K., der Karl-Günter kennengelernt hatte, als beide sich ihre ersten Stasi-Sporen als Informanten bei Kirchentreffen auf dem Petersberg bei Halle verdient hatten.  „Also, schnellstens Kontakt aufnehmen. Und bitte üba die alten Weje“, mahnt Ex-NVA- Oberstleutnat Eberhard W., der Handytelefonaten und E-Mails immer noch nicht traut, seine Stammtisch-Genossen. „Und Du, Herbert, kümmerst Dich um die Personaljen diesa Jederbusch, oder wie die heißt. Also wie imma: Schlechte Anjewohn heiten, wechselnde Sexpartna, na du weest schon.“ „Klar“, antwortet Herbert und hebt das Glas in die Runde. „Und wenn wa nüschd finden, dann sorcht Jünta dafür, dat wir wat finden. Prost, Jenossen!“

Operation Mimi

Freitagabend am Stadtrand des Berliner Ostens. Draußen ist es, obwohl erst Ende August, grau und nass. Die Plattenbauten im Kiez verschwinden hinter Regenschleiern, im Migrantentreff deutschstämmiger Weißrussen ist es verdächtig ruhig. Sonst dringen hier russische Soldatenlieder ans ostdeutsche Tageslicht. Der bettelnde Flaschensammler hat heute wohl auch etwas anderes vor, sein Platz vor dem Lidl ist leer. Auch von Rudi, dem pfeifenden Trinker mit der großen roten Nase und den prächtigen Zahnlücken, ist heute nichts zu sehen. Nur in der Wohngebietsgaststätte „Frohe Aussicht“ ist alles wie jeden Freitag.

Hinter der Theke Karin. Wie immer mit zuviel Schminke im Gesicht, wie immer sauer auf den Koch („Wat is nu mit dem Schnitzel? Du sollst kochen, nich saufen!“). Am Tresen Paule und Mucki, die sich bei Molle und Korn die neusten Geschichten aus dem Jobcenter erzählen. Vorn an der Tür sitzt der blinde Rentner mit Mischlingshündin Cindy. Den Namen des Mannes kennt hier keiner,  obwohl er auch schon seit 20 Jahren jeden Freitag da sitzt und seine zwei kleinen Pils trinkt. Hinten, am runden Tisch neben dem Tresen, sitzten, auch wie jeden Freitag,  die Herren vom Stammtisch „Operativer Einsatz“.

NVA- Oberstleutnant a.D. Eberhard W. (76),  Herbert K. (68), der alte Führungs-Stratege, Günter P. (73), Major a.D. des Ministeriums für Staatssicherheit, Plattenbau-IM Walter Z. (72) und natürlich Illjuschin, der Kopf der alten Kämpfer. Und diesmal darf ausnahmsweise auch ein Publizist und alter Mit-Kämpfer Platz nehmen. An diesem Freitag diskutierten die Herren lang und ausgiebig über das neue Buch von Thilo Sarrazin, über das Wetter sowie über den immer noch nicht geklärten Sachverhalt mit dem filmenden Internetunternehmen. Bis P. das Wort ergreift: „Jenossen, dat bringt doch alles nix. Wir müssen endlich die Gunst der Stunde nutzen. Lasst uns endlich handeln.“

„Jenau“, sagt K., während er mit den Fingern bei Karin eine neue Runde bestellt. „Wir ham da mal wat ausjearbeitet, dit muss jetze von Euch abjestimmt werden. Operation Mimi.“ „Oparazion Mimi, wat ssolln dass ssein“, fragt der schon leicht angetrunkene Z. „Mimi, das steht für Migration Informeller Mitarbeiter Immigration. Oder um es mal auch für dich verständlich auszudrücken: In jedem Dönerladen ein IM. Die längst fällige Unterwanderung der Migranten in Berlin“, erklärt Illjuschin. „Vorher müssen wir aber noch etwas anders klären“, sagt der Ex-KGBler mit ernstem Blick in die Runde.

„Sozusagen Operation Mimi Teil eins. Also, Du Günter, nimmst Kontakt zu dieser Firma Google auf. Triff Dich mit einem der verantwortlichen Dienststellenleiter dieses Ausspähdienstes. Am besten nutzt Du dazu die konspirative Wohnung in Charlottenburg. Schlüssel am bekannten Ort. Und dann bietest Du ihm an, was wir letzte Woche besprochen haben: Wir liefern für Street View alle angeforderten Zusatzinformationen wie Mieternamen samt persönlicher Daten, das Sexualverhalten der jeweiligen Bewohner, Musikjeschmack und so weiter. Du weißt schon, alles, was wir da haben. Im Gegenzug stellen die uns alle ihre Fotos ungepixelt zur Verfügung.“ Meinsste, dit klappt?“, fragt Z. „Ja sicher“, erwidert Illjuschin, „wenn die mitkriegen, was wir über die alles wissen, haben die gar keine andere Wahl.“ Und denn“, sagt Günter, „denn folgt Operation Mimi zwei. Aba erstma Prost, Jenossen. Uff Mimi eins!“

Google Street View & die Stasi

„Haste dit jehört? Die wolln Uffnahmen von uns machen und die denne in Amerika den Leuten zeijen.“ Günter P. (73), Major a.D. des Ministeriums für Staatssicherheit, ist entsetzt. Er schaut fragend in die Runde seiner Stammtischbrüder. Wie jeden Freitag, seit 1982 schon, sitzen die Genossen und Kampfgefährten vom Stammtisch „Operativer Einsatz“ bei Berliner Bulette und Pils in der „Frohen Aussicht“, einer der wenigen noch existierenden Wohngebietsgaststätten am östlichen Stadtrand von Berlin. Während die Wirtsleute schon dreimal seit 89 wechselten, blieb der Stammtisch erhalten. Oder anders gesagt: der Stammtisch hat die Kneipe erhalten.

„Wat wolln die machen? Uffnahmen? Wat für Uffnahmen denn nur?“, fragt nun Eberhard W. (76), NVA- Oberstleutnant a.D., der wegen seiner Nachwende-Klassenfeind-Naherfahrung als Offizier bei der Bundeswehr fast vom Stammtisch ausgeschlossen worden wär. „Na die wolln mit Kameras durch unsre Straßen fahrn, dit allet filmen, wat se da so sehn, und denn die Filme in Amerika vorführn“, antwortet Günter, nachdem er ordnungsgemäß einen weiteren Strich für ein weiteres Pils auf seinem Bierdeckel gemacht hat. Natürlich mit seinem goldenen Kugelschreiber. Den er damals zusammen mit dem bronzenen MfS-Verdienstorden bekommen hatte und der seitdem für nichts anderes verwendet worden ist, als für Pils-Striche auf dem Bierdeckel. Freitags. Beim Stammtisch.

„So´n Quatsch. Dit is allet janz anders“, meldet sich nun Herbert K. (68) zu Wort. Herbert, von allen nur „Strateje“ genannt, ist der Jüngste in der Runde. Aber trotzdem hoch geschätzt, hatte er doch als Führungs-Offizier „in den guten alten Agentenzeiten“ ganze Heerscharen von IMs hüben und drüben geleitet, geführt und gefördert. Und natürlich gefeuert. Besonders aber sein Tick für versteckte Kameras in Cabinet-Schachteln und sein von ihm erfundenes Bockwurst-Imitat mit eingebauten RFT-Mikrofon (Typ DM 2112) machten ihn schon damals zum geschätzten Experten für Aufnahmen. „Die haben die Uffnahm schon lengst jemacht. Jetze jehts darum, obse die Uffnahmen ins Internetz stellen dürfen oda nich.“

„Wat erzählst Du da? Die ham schon Uffnahmen von uns jemacht? Von unsre Straße? Ohne Jenehmigung?“ Walter Z. (72) schüttelt den Kopf. „Dit hätte ich doch mitkriejen müssen.“ Da hat er wohl recht, denken alle anderen am Tisch. Z. entgeht eigentlich nichts, das liegt ihm im Blut. Schließlich war er damals als Hausmeister in einem der 16-stöckigen Plattenbauten an der Allee der Kosmonauten in Marzahn gleichzeitig Schriftführer des Hausbuches, Vorsitzender der Hausgemeinschaftsleitung und natürlich Volkspolizeihelfer. Sowie SED-Genosse und Informeller Mitarbeiter. Als IM Gagarin hatte er alles aufgeschrieben, was in seiner Platte vor sich gegangen war. Und was nicht. Sein Bericht über das „asoziale Element K. und dessen Absichten nicht nur der Nationalen Volksarmee sondern auch der Deutschen Demokratischen Republik den Rücken zu kehren“ war letztlich der einzige Grund, warum er beim Stammtisch „Operativer Einsatz“ dabei sein durfte und darf. Hausmeister hätte man normalerweise nie zugelassen.

„Bring mal ne Runde Kurze, Karin“, ruft Iljuschin dazwischen. Der heimliche Chef des Stammtisches hatte bisher geschwiegen. So, wie es seine Art ist. Nicht viel erzählen, aber alles hören. Iljuschin saß eines Tages, Mitte der 90er, schon am Stammtisch, als die anderen kamen. Verdutzt sahen sie ihn an, wollten ihn von ihrem operativen Tisch verscheuchen. Bevor sich einer äußern konnte, sagte er jedoch: „Willkommen Genossen. Setzt Euch. Ich bin einer von den Guten.“ Den alten Stasi-Hasen war das nicht geheuer. Ist es immer noch nicht. Denn der Fremde wusste alles über sie: Ihre Namen, ihren Werdegang beim MfS, ihre Adressen und manch andere Geheimnisse, von denen sie hofften und hoffen, er würde und wird sie nie der Öffentlichkeit Preis geben. „Macht Euch keine Gedanken. Bei mir ist alles secret. Nennt mich Iljuschin, die Geschichte erzähle ich Euch später.“ Dazu legte er einen Ausweis auf den Tisch, der den Inhaber als Agenten des russischen Geheimdienstes KGB offenbarte. Der Name war allerdings ausradiert. Später am Abend, nach etlichen Runden Korn (mangels Wodka in der Wohngebietsgaststätte) erfuhren sie noch mehr.

Sie erfuhren, dass seine Missionen, sein Jobs, so geheim gewesen waren, dass nicht einmal die geheimen Geheim-Agenten wussten, was Iljuschin wirklich gemacht hatte. „Nur soviel“, sagte Iljuschin an diesem Abend, „ich habe mehr als einmal den Krieg zwischen Amerika und der Union der sozialistischen Sowjetrepubliken verhindert. Und einmal, da habe ich als normaler Flugpassagier eine Iljuschin sauber gelandet, nachdem der Pilot einen Herzanfall hatte und der Co-Pilot nicht landen konnte, weil er stock besoffen war. Seitdem nennen mich meine Freunde Iljuschin.“

Karin kommt mit der Runde Kurzen, stellt sie mit samt Tablett auf dem Tisch ab und sagt in die Runde: „Im Jrunde jenomm habt Ihr doch nüschd andres jemacht. Jefilmt, Jespräche uffjenomm, allet notiert. So macht dit och Guchel Stried Fjiu.“ Da wird es ruhig in der Runde vom Stammtisch „Operativer Einsatz“. Bis Günter das Wort ergreift: „Dit is wohl war. Aber nie, niemals, hätten wir dit ins Internet jestellt.

Bilder aus der Fotokiste II

Ja, da Erinnerungen werden wach. Nicht nur bei den Bildern aus der eigenen Fotokiste. Kaum war der erste Teil der bpb-Serie „Bilder aus der Fotokiste“ online, segelte mir ein weiteres altes Foto ins Postfach. Vielen Dank dafür nach Halle. Es zeigt die alte IL 14 der Interflug, die jahrelang auf dem „Rummelplatz“ vor der Eissporthalle stand. An der Schnittstelle von Halle und Halle Neustadt. Dort, wo sich die meiste Zeit unsere Jugend zugetragen hat. Dort, wo die Woche für uns am Sonntag begann.

Sonntags, kurz nach 17 Uhr. Zu dieser Zeit öffnete an jenem Wochentag die HO-Gaststätte (oder war es ne Konsum-Gaststätte?) „Pirouette“. Dort begann vor knapp 30 Jahren unser „Sonntags-Stammtisch“. Freunde aus der Schule, aus dem Jugendklub, aus der Nachbarschaft. Der eine oder andere war schon 18 oder älter, die meisten knapp 16 Jahre jung.Und eigentlich passten wir dort gar nicht so recht hinein. Mit unseren Fleischerhemden, Jeanswesten, Jesuslatschen und Trampern. Doch wir waren eben jeden Sonntag dort. Das war letztendlich unser Eintritt und unsere Garantie für einen reservierten Tisch in der mit weißen Tischdecken eingedeckten Gaststätte. Schräg gegenüber von Halles Stasi-Hauptquartier.

Unvergessen unser Kellner „Herr Ries“. Er war immer für uns da. Manches Mal geleitete er uns, vorbei an wartenden Erwachsenen in Abendgarderobe, zu unserem Tisch. Er bediente uns wie alte Stammgäste. Was wir ja irgendwann dann auch waren. Es gab Pils vom Fass (0,25 l für 56 Pfennige), Schinkenplatte,  gemischte Platte (Salami, Käse, Schinken), Würzfleisch, Steak Letscho mit Pommes, Steak Champignons. Manches Mal auch einen Kiwi, Pfeffi oder Goldi. Je nach Kohle in der Tasche.  Manch einer trank auch nur ein Bierchen, weil es fürs Essen nicht reichte. Aber das war egal. Hauptsache, wir saßen alle zusammen.

Manchmal hatte auch Herr Ries seinen freien Tag am Sonntag. Dann war „der Alte“ da. Unfreundlich, langsam und gar nicht erfreut über uns junge Schnösel. So saß eines Sonntagabends eine Fliege auf dem Rand des Bierglases. Einer von uns wollte sie mit einer schnellen Handbewegung fangen. Das ging schief, das Bierglas fiel um, der Inhalt ergoss sich über die Tischdecke. „Lassen Sie gefääligst unsere Haustiere in Ruhe“, schrie daraufhin der „Alte“ und ließ uns absichtlich mit der nassen Biertischdecke sitzen.

Aber auch solche Ereignisse hielten uns nicht von unseren Sonntagstreffen ab. Später waren dann die einen zur Asche, andere beim Studium oder auf Montage im Lubminer Atomkraftwerk. Wo aber auch immer die Woche verbracht wurde, der Sonntagabend gehörte uns und der „Pirouette“. Einige  fuhren dann gleich von dort aus mit der Straßenbahn zum Hauptbahnhof und von dort weiter nach Weimar oder an die See zum Studiern oder Klechen off Mongdasche.

Die „Pirouette“ gibt es nicht mehr. Auch die IL 14 steht inzwischen in Dessau. Den Stammtisch aber gibt´s immer noch, in einer anderen Kneipe in Halle. Ein, zwei, drei Stammtischgründer haben sich inzwischen über 1500 Mal am Sonntag  versammelt. Und heben ab und an einen oder zwei auf Herrn Ries.