Archiv der Kategorie: Halle

Zehn Jahre berlinpankowblogger

Irre. Unglaublich. Nicht zu fassen. So etwa dachte ich neulich, als mir bewusst wurde, dass mein Zehnjähriges näher rückt. Nun ist es soweit: Heute vor zehn Jahren ging berlinpankowblogger online. Wahnsinn. Zehn Jahre, in denen viel passiert ist in der Welt, in Deutschland, in Berlin. Zehn Jahre, in denen sich mein Blog entwickelt und gewandelt hat. Bevor ich anlässlich dieses Jubiläums ein paar Statistiken posten möchte – Vielen Dank allen Lesern und besonders den Stammlesern, die mir die Treue gehalten haben!

Zehn Jahre berlinpankowblogger – das sind knapp 400.000 Besuche, also im Schnitt etwa 40.000 pro Jahr. Wobei es klein anfing. 2007 freute ich mich über 1843 Besuche, ein Jahr später waren es schon 18.738. So steigerte sich das weiter bis zu 80.000. Pro Tag kommen hier zwischen 150 und 500 Leser vorbei. Ich habe 1307 Beiträge verfasst, eine Liste der Top 10 steht unten. Wie viel ich inzwischen über Reisen poste, zeigt die Topliste der Suchwörter, mit denen mein Blog gefunden wurde: Platz eins geht an New York (12.159 Suchanfragen), zwei an San Francisco (6108), Rang drei an „Regenbogen“ (3045). Insgesamt gab es 175.432 Suchanfragen im Netz, die hier endeten.

"New York" - über 12.000 Leser fanden mit diesem Suchwort zu meinem Blog

„New York“ – über 12.000 Leser fanden mit diesem Suchwort zu bpb

In den Jahren habe ich insgesamt fünf Designs bzw. WordPress-Themes ausprobiert, das aktuelle gibt es jetzt unverändert seit sieben Jahren. Ich habe 943 Follower, die Hälfte hier per RSS-Feed, die anderen bei Facebook und Twitter.  Als ich anfing, hieß das noch Weblogbuch und eigentlich sollte Block330 mein Hauptblog werden. Nun, es ist anders gekommen. Zu meiner Medien– ähm Blog-Gruppe gehören außerdem noch der berlinpankowknipser und seit einem Jahr das Online-Magazin Yachtblog – mein neuestes Projekt, das ich gemeinsam mit einem Freund betreibe. Hier aber nun ein Prosit! sowie die Top 10 der bpb-Leser:

  1. Kannst Du „Als ich wie ein Vogel war?“
  2. Freitags
  3. Kasse mit 465
  4. Ins linke Licht gerückt
  5. Als Penner
  6. Food Koop – Shoppingparadies & Arbeitshölle
  7. Radulf-Kevins Kinderkotze
  8. …und keiner fragt nach Bruno Gröning
  9. Badekappe Pflicht
  10. Ich bin so wild nach deinem Erdbeerhof
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Erinnerungen an die Zukunft

bpb_neues_jahrBei mir sind es die schönen Erinnerungen, die mich immer wieder positiv in die Zukunft schauen lassen. Nicht der Glaube, sondern die Überzeugung, dass sich die guten Ereignisse der Vergangenheit wiederholen werden. So oder anders, das ist egal. Wichtig ist, dass wir weiterhin die Zeit für jene Menschen und Dinge haben, die uns wichtig sind. Zeit, die man sich manchmal auch nehmen muss. Manchmal reicht ein Lächeln, eine Berührung, ein Wort. Es müssen nicht immer die großen Gesten sein. Dazu noch das Wissen, dass Freundschaft auch weiterhin zählt, dass man sich auf jene verlassen kann, die einem viel bedeuten. Hat man das alles, ist man reich. Ich hab es. Das bedeutet Glück. Glück und Gesundheit wünsche ich allen Freunden und Lesern!

Der Medien neues Sprachpräkariat

herzlos_01Dass die Frage- statt der Feststellung zum guten Ton gehört, kann und will ich nicht akzeptieren. Nicht nur, das es sich immer wieder gräulich anhört. Geschrieben zeigen diese Fragen  noch mehr ihre Nähe zum Sprachpräkariat (SPP), wo solcherlei herkommt. Die berühmteste kennt jeder: Wie geil ist das denn? Nicht sehr, finde ich. Wenn auch der Duden inzwischen neben der klassischen Bedeutung „(oft abwertend) gierig nach geschlechtlicher Befriedigung, vom Sexualtrieb beherrscht, sexuell erregt“ eine weitere hinzugefügt hat: (salopp) in begeisternder Weise schön, gut, großartig, toll. Mal ganz abgesehen von der im Duden genannten landwirtschaftlichen Geilheit, die einen zu stark gedüngten Boden oder wuchernde Pflanzen beschreibt…

Nein, es geht hier um die Fragestellung, wo es doch eine Feststellung sein sollte. Man könnte ja schreiben: Das ist geil. Das ist schön. Oder auch Das ist Herzlos. Wobei wir beim Thema wären. Sich in derart Fällen des SPP zu bedienen,  finde ich nicht nur überhaupt nicht geil, sondern sprachgestört und unschön noch dazu. Besonders, wenn dies in Medien auftaucht oder von mehr oder weniger angesehenen PolitikerInnen verwendet wird. Wie herzlos ist das denn? titelte jüngst die Mitteldeutsche Zeitung online zu einer Geschichte, bei der ein Junge mit Tierallergie ein Flugzeug verlassen musste (statt des Hundes). Damit nicht genug, bedient sich die MZ auch noch einer weiteren Floskel, die sich ebenfalls aus dem SPP ins Deutsch der (Ein)Gebildeten geschlichen hat: geht mal gar nicht. Ja, da habt Ihr Recht: das geht mal gar nicht.

herzlos_02Da bleibt einem nicht nur die Spucke weg, sondern das macht einen schon ganz schön sprachlos. Eine Hoffnung bleibt: Möge spuk ein unterbezahlter Online-Praktikant sein. Sollte sich jedoch hinter jenem Kürzel spuk ein(e) ausgebildete(r) Redakteur(in) verbergen, wäre das nicht nur gruselig, sondern könnte den Verdacht erwecken, man wolle sich dem SPP annähern. Was wiederum andere unschöne Fragen aufwerfen würde. Und weil es so schön doof aussieht, gleich noch ein Beispiel für blöde Fragen:

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Outtakes

Eine neue Seite an/von mir: Outtakes. Bisher meistens gelöscht, nun gesammelt, aussortiert und veröffentlicht auf eigener bpb-Seite. Hier sind sie zu sehen.

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Mächtig Dampf

Kraftwerk Schkopau, 3. Oktober 2015

Kraftwerk Schkopau, 3. Oktober 2015

Alles Gute zum 60., liebe Julia!

Alles Gute zum 60., liebe Julia! Gern hätten ich (und andere) heute mit Dir gefeiert. Warum bist Du nur gegangen? Ich hatte Pläne. Sooo viele Pläne. Und Ideen. Und, und, und. Du hast uns verlassen, aber nicht unsere Herzen. Darin lebst Du weiter fort. Und natürlich in Deiner Tochter. Sie hätte Dich heute gern umarmt.

Hier nochmal mein Post für Julia von 2009:

Es lief im Radio. Letzte Woche. Selten, dass sie mal Renft spielen. Aber letzte Woche lief es, das Lied. Und plötzlich waren alle Erinnerungen wieder da. Glasklar. Als wenn es gestern gewesen wäre.

Sie hieß Julia. Kurze, rote Struwwelhaare, grüne Augen. Zerrissene Jeans, kunterbuntes, selbst bemaltes T-Shirt, Parka. Sie war 32, fast zehn Jahre älter als ich damals. Im Turm, dem Studentenklub von Halle, hatten wir uns kennengelernt. Wir waren die letzten Gäste, nach einem Konzert. Ich hatte gerade meine letzte Mark für ein Bier ausgegeben. Sie ihre letzten Pfennige für ein Schmalzbrot. Wir haben beides geteilt. Und sind danach durchs dunkle Halle zu ihr gelaufen.  In einer eisigen Winternacht.

Altbau Hinterhaus, zweiter Stock. Dunkle Kälte. Strom hab ich schon lange nicht mehr, sagte sie, zündete Kerzen an. Und den Gasherd. Bei offener Klappe kam so etwas Wärme in die Küche. Kohlen kommen erst nächste Woche. Wenn ich sie bezahlen kann. Julia ging nicht arbeiten. War bei der Stadt als “kriminell gefährdet” eingestuft.  Aber die lassen mich in Ruhe, sagte sie. Weil ich plem plem bin. Plem plem? War in der Irrenanstalt. In Altscherbitz. Wollen wir nicht über was anderes reden? Klar, sagte ich.

Wir redeten bis zum Morgen. Und tranken Wein. Selbstgemachten Kirschwein. Aus einem großen Ballon, der neben dem Küchentisch stand. Und Julia erzählte doch noch ihre Geschichte. Von Schlägen daheim, vom Kinderheim, von Lügen. Lügen ihrer Mutter. Die nicht wahr haben wollte, was der Vater jahrelang mit der Tochter gemacht hatte. Niemand hatte ihr geglaubt. Deshalb wurde sie eingewiesen.  Dort, sagte sie, hat man wenigstens so getan, als ob man mir glauben würde. Glaubst Du mir? Fragte Julia beim Abschied und bevor ich antworten konnte – sag jetzt lieber nichts. Und vergiss mich, so eine wie mich, so eine hat man nicht als Freundin.

Ich konnte sie natürlich nicht vergessen. Hab sie hin und wieder besucht. Mit ihr die Kohlen in den Keller getragen. Kirschen gepflückt, für den neuen Wein. Nächtelang in der Küche gesessen. Dann fragte sie mich, ob ich denn die Gitarre mal mitbringen könne. Sie hätte mich da letztens spielen sehen, in der Band, beim Straßenfest. Als ich mit der Gitarre kam, hatte Julia gekocht. Kartoffelsuppe mit Wiener Würstchen. Die beste Kartoffelsuppe, die ich je gegessen habe. Kannst Du “Als ich wie ein Vogel war” singen? Klar konnte ich. Renft, das gehörte zum Standartrepertoire. Damals.

Julia sang mit. Den Refrain: Irgendwann will jedermann raus aus seiner Haut. Irgendwann denkt er dran, wenn auch nicht laut. Das ist jetzt unser Lied, sagte sie. Wenn ich es in Zukunft höre, denk ich an dich. Und wenn Du es hörst, könntest du ja auch an mich denken. Ach Julia, ich denk doch sowieso oft an dich, sagte ich. Und wollte ihr sagen wie sehr ich oft an sie denken muss. Sie hatte wohl so etwas geahnt, bat mich, jetzt nichts zu sagen und dafür weiter zu spielen. Wir sangen und saßen wieder mal bis zum Morgen.

Es war der letzte Morgen mit Julia. Ein Unfall. Hieß es damals. Heute weiß ich, dass es keiner war. Freunde haben mir später erzählt, dass sie einen Abschiedsbrief hinterlassen hatte. Irgendwann will jedermann raus aus seiner Haut. Irgendwann denkt er dran, wenn auch nicht laut. Stand darauf.

1000 mal Danke

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Dies ist mein Post 1002 auf berlinpankowblogger. Also habe ich die Eintausend überschritten. Bei anderen Blogs sind das Peanuts. Oder, wie wir hier sagen, Pipppifffatzzz. Für mich jedoch sind das eine ganze Menge Posts, die ich hier in den letzten Jahren hinterlassen habe. Ein Anlass Danke zu sagen. Danke an alle treuen LeserInnen. Außerdem ein Anlass, Euch und allen anderen die Top 10 auf bpb noch einmal zu zeigen:

1. Kannst Du Als ich wie ein Vogel war?

2. Nackte Tatsachen

3. Ins linke Licht gerückt

4. Regenbogen

5. Kasse mit 465

6. Höllen-Hochzeit

7. …und dann bring ich sie um

8. Bundeswehrbewerbungsbogen

9. Bahn sechs

10. Bettflucht

Ein Sonder-Dank geht an ppq und den kiezneurotiker!

Edit: Der am häufigsten aufgerufene, auf anderen Blogs, verlinkte Post:

Revolution in Karow

 

 

Operation Heraklion

lada_taiga_01a„Haste Ouzo jeholt?“, ruft Walter schon an der Tür in Richtung Tresen, als er das Lokal „Frohe Aussicht“ in Marzahn-Hellersdorf betritt. Wirtin Karin nickt ihm von Weitem zu. „Klar, habter doch letzte Woche bestellt. Also hab ick Ouzo  jekooft. Sojar drei Sorten. Könnter gleich testen“. Walter Z. (76), der alte Plattenbau-IM, hinkt durchs Lokal (Folgen eines Sturzes bei der Schrebergartenarbeit) und schiebt zwischen Herrentoilette und Tresen den Vorhang beiseite. Die Tür dahinter steht offen und Walter betritt das Hinterzimmer der „Frohen Aussicht“. Er ist heute der erste vom Stammtisch Operativer Einsatz. Hier treffen sie sich jeden Freitag. Und das nun schon seit knapp 40 Jahren.

Zum Stamm gehören neben Walter der einstige Führungsoffizier Herbert K. (73, auch heute noch der Stratege), Günter P. (77), Major a.D. des Ministeriums für Staatssicherheit und seit drei Tagen stolzer Besitzer eines nagelneuen Lada Taiga Jagd „Stark im Revier“ (deshalb will er heute eine Runde Wodka schmeißen, wird aber wohl wegen des aktuellen Anlasses eher eine Runde Ouzo werden, davon weiß er aber noch nichts), NVA- Oberstleutnant a.D. Eberhard W. (80)  und natürlich Illjuschin (Alter unbekannt, geschätzt Mitte 70), der Kopf der alten Kämpfer.

stasi_emblem_ddrUm Aufnahme in die Stammtischrunde buhlt seit einigen Wochen Franz D. (79), einst Generalmajor des Ministeriums für Staatssicherheit und dort enger Mitarbeiter Schalck-Golodkowskis in der AG BKK (Arbeitsgruppe Bereich Kommerzielle Koordinierung) im Zuständigkeitsbereich der Bezirke Rostock, Schwerin und Neubrandenburg (heute Mecklenburg-Vorpommern). D. lebte bis vor Kurzem noch in Rottach-Egern als Nachbar seines ehemaligen Chefs. Nach dessen Tod zog es D. nun in die alte DDR-Hauptstadt, um wieder „unter seinesgleichen zu sein“, wie er seinen Umzug nach Berlin begründet hatte. Die Stammtischler wollen heute über seinen Antrag entscheiden.

Kurz nach der Ankunft von Walter Z. sind nun auch alle anderen im Hinterzimmer der „Frohen Aussicht“ eingetroffen.  Jeder hat ein 0,25-Liter Pils vor sich stehen, natürlich gezapft in die alten unkaputtbaren Gläser, die Wirtin Karin exklusiv für die Herren des Stammtisches aus dem Schrank holt. Wie früher eben. Fast. Der Unterschied liegt im Preis. Als der Stammtisch 1975 gegründet wurde, kostete hier das 0,25er Helle 40 Pfennige. Das Helle ist nun ein Pils und schlägt pro Glas mit 1,90 Euro zu Buche. „Zum Wohl, meine Herren, diese Runde geht auf mich. Und es soll nicht die letzte sein“, schmettert Franz D. in die Runde. Die anderen nicken ihm kurz zu, prosten sich gegenseitig zu und trinken das erste Pils traditionell auf ex. Karin steht derweil mit der nächsten Runde bereit und schon haben wieder alle ein volles Glas.

Günter P. ergreift das Wort. „Also, meine Herren. Wie habt ihr euch entschieden? Sollten wir Franz in unsere Runde aufnehmen? Ich jedenfalls bin dafür.“ Die anderen am Tisch murmeln zustimmend und Stratege Herbert hebt beide Hände. Sofort ist Ruhe in der Runde. „Ich würde sagen“, setzt Herbert an, „als letzten Treuebeweis sollte Franz die Operation Heraklion durchführen. Dann wissen wir genau, ob er zu uns passt oder eher nicht. Was sagt ihr dazu?“ „Das ist ein Wort, so machen wir das“, antwortet Illjuschin. Alle anderen nicken. „Operation Heraklion?“, fragt Franz D. vorsichtig und schaut fragend in die Runde.  „Du weißt nicht, worum es geht?“, fragt Eberhard W. und schaut Franz zweifelnd an. „Also wenn ich ehrlich sein soll…“

„Keine Bange“, ruft im selben Moment Karin, die mit einem Tablett gefüllter Schnapsgläser das Hinterzimmer betritt. „Du musst heute Abend eben nur alle Schnäpse bezahlen“, sagt die Wirtin und stellt jedem drei gefüllte 2-cl-Gläser auf den Tisch. „Das mach ich gerne, Genossen“, sagt Franz und erhebt eines der Schnapsgläser. „Aber warum Heraklion?“ „Trink nur, dann wirst du es schon merken“, sagt Herbert und schüttet sich den ersten Ouzo hinter die Binde. Drei Stunden später sind drei Flaschen Ouzo geleert, die Stammtischler sind betrunkener als gewöhnlich, der Lada Taiga Jagd ist getauft und Franz D. ist „ehrenhaft“ in die Runde aufgenommen. Mit Spannung erwarten seine neuen alten Genossen die Geschichten aus der AG BKK. So, wie wir auch.

(Fortsetzung folgt…)

Stottert bei Erregung

Welche Spuren meine „Beschäftigungen“ als Musiker und Jugenklub-Mitglied zu sehen waren, zeigt ein neuer Auszug aus meiner Stasi-Akte, die nun wieder 40 Blätter umfangreicher geworden ist… Dass ich über westliche Zahlungsmittel verfügt haben soll, ist mir damals entgangen.

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Freunde

feuer_himmelfahrt_01Nun ist es also (fast) soweit. Ein halbes Jahrhundert auf der Welt. Geteilt fast genau in der Mitte durch Ost und West. Knappe 25 Jahre in der DDR. Die folgenden dann in dem, was daraus wurde. Viel Gutes wurde daraus. Persönlich sowieso.  Auch davor gab es Gutes. Die Musikschule in Merseburg zum Beispiel. Gerade heute denke ich an die ersten Geigen-Stunden, die nur noch blass im Gedächtnis haften. 45 Jahre ist das her. Als ich 1972 in die (Polytechnische) Viktor-Koenen-Oberschule in Merseburg Süd eingeschult wurde, hatte ich schon fast zwei Jahre Geigenunterricht hinter mir.

Unsere Nachbarn damals tun mir heute noch leid. Kaum ein anderes Instrument erzeugt in den ersten Lehrjahren dermaßen schiefe und nervende Töne wie dieses Instrument. Aber es hat sich gelohnt. Ich kann es noch heute. Dazu gekommen sind dann später noch die Gitarre. Das Akkordeon. Die Mandoline. Viel Musik wurde auch daraus. Zuerst bei „Fliegenpilz“ in Haneu. Später dann mit „Schreihals“ in Erfurt. Heute noch mit Freunden. Immer dann, wenn man sich sieht. Und die sind übrigens das Wichtigste von damals.

Freunde. Freunde, die es geblieben sind. Freundschaften, die gewachsen sind. An ihr selbst und an den Reibungen, die dabei entstehen.  Gewachsen in vielen gemeinsamen Stunden. Gewachsen in der Nähe. Größer geworden in der Ferne. Größer geworden aus Sorge um den Freund, um die Freundin.  Tiefer geworden aus Achtung und Dankbarkeit. Und aus Trauer und Schmerz. Gemeinsam wurde so einiges erträglicher. Wenn auch oft ohne die richtigen Worte. Aber auch Schweigen kann etwas ausdrücken. Schweigen wiegt oft schwerer als ein Wort.

Es sind Freundschaften, die ein Leben begleiten. Die ältesten bringen es auf weit über 30 Jahre. Die jüngsten, nicht minder tiefen, auf gerade mal drei Jahre. Das prägt. Das macht stolz. Und glücklich. Denke ich an Euch, verspüre ich große Achtung. Auch Dankbarkeit. Ohne auch nur ein bisschen zu übertreiben. Ihr habt mich geprägt. Unbezahlbar.  Mit Euch kann man alles meistern. Auch den 50. Und alles, was noch folgen wird. Danke dafür!

 

 

Bilder aus der Fotokiste X

carneval_club_01Kein Bild, aber immerhin aus ner alten Fotokiste. Ich weiß es noch wie heute: Wir hatten dazu einen Super-8-Film gedreht. Einen richtigen Western. Sind dazu in den Harz gefahren, nach Wettin und sonstwo hin. Nur, um diesen Karnevals-Western zu drehen. Und dann war alles im Arsch. Der Film war doppelt belichtet. Man sah unseren Haupthelden Festus, wie er von der Klippe sprang. Aber gleichzeitig sah man ein Fußballspiel. Der Film wurde dann aber trotzdem so gezeigt. Und an dieser Stelle waren es dann „die Träume“, die unseren Haupthelden durcheinander brachten. So wurde das damals gemacht. Keine Chance für eine Wiederholung. Weder zeitlich noch materiell. Aber Fußball und der Wilde Westen – auch damals schon zwei unzertrennliche Dinge. Was ich nicht mehr weiß: Warum es 6. ODER 7. März hieß… Konnte man es sich aussuchen? Oder waren wir uns nicht sicher, an welchem Tag wir im BALTIC Karneval feiern durften…???

 Mehr Bilder aus alten Kisten

Fundstück der Woche: Die Angestellten und schlaffe Bauern in Holleben

freiheit_angestellteEs gab mal Zeiten, da war es eben nicht so einfach, ein Angestellter zu sein. 1946 zum Beispiel. Grund genug, für die Redakteure der neu gegründeten „Freiheit“ in Halle, über jene zu berichten und deren Stellung kalr zu stellen. Klar, waren (und sind) doch die Redakteure auch Angestellte. Das Fundstück der Woche – aus der ersten „Freiheit“-Ausgabe vom 16. April 1946.

  • Aus Zuschriften, die wir laufend aus Angestelltenkreisen erhalten, geht hervor, daß die Angestellten heute vielfach als fünftes Rad am Wagen betrachtet und behandelt werden. Die Stärke und die Bedeutung der früheren Angestellten-Gewerkschaften sind ein Beweis dafür, welche Rolle die Angestellten im öffentlichen Leben, insbesondere aber in der Gewerkschaftsbewegung, gespielt haben. Die Gesamtzahl der Angestellten und Beamten wurde im Altreich auf etwa 4 Millionen geschätzt. Wenn die Angestellten auch keine Sonderstellung einnehmen können, so sind wir dennoch verpflichtet, dem Los der Angestellten im Rahmen des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes unsere volle Aufmerksamkeit zu widmen. Vergessen wir nicht, daß der Büroangestellte am Wideraufbau unserer Wirtschaft und Verwaltung ebenso beteiligt ist, wie der Arbeiter an der Werkbank. (…)
  • Es ist abwegig, diese Verwaltungsarbeit in irgendeiner Form zu diskriminieren. Hat nicht zum Beispiel der Einkäufer eines Werkes, der unter unsäglichen Schwierigkeiten Roh- und Hilfsstoffe heranschafft, das gleiche Recht auf die Würdigung seiner Leistung wie der Betriebsarbeiter, für den er die Voraussetzungen zur Arbeit schafft? (…)
  • Wenn die Bedeutung der Angestellten in den früheren Verbänden einen übertriebenen Ausdruck gefunden hat, so besteht jetzt der Eindruck, daß ihre wichtigen Funktionen heute bewußt oder ubewußt zu wenig beachtet werden. Es ist nicht sozialistisch, den Angestellten deshalb geringer zu schätzen, weil er infolge seiner anders gearteten Tätigkeit auch andere Gewohnheiten der Lebensführung angenommen hat. Von dem früher mit Recht verspotteten Standesdünkel der Angestellten ist nach den schweren sozialen Erschütterungen der beiden letzten Jahrzehnte nicht mehr viel übrig geblieben. Der Angestellte hat längst erkannt, daß er als Arbeitender den gleichen Gesetzen des Wirtschaftskampfes unterworfen ist, wie der Arbeiter.

Und gleich noch ein Fundstück aus der ersten „Freiheit“-Ausgabe. Unter der Überschrift „Sommergetreide zu 90 Prozent bestellt“ kommen die Bauern in Holleben nicht gerade gut weg in diesem Artikel der Zeitung:

  • Holleben. Diese Gemeinde fällt aus dem großen Rahmen der rastlosen Tätigkeit aller Bauern und Werktätigen bei der Sicherung der deutschen Volksernährung erheblich heraus. Jezt sind noch 300 Morgen Acker zu pflügen. Es herrscht eine übergroße Schlaffheit und Lauheit unter den Bauern Hollebens. Allerdings berichten sie auch, daß man ihnen von behördlicher Seite nicht das heute notwendige Interesse entgegenbringt. So fehlt es an Kohlen für den Betrieb des Dampfpfluges. Die Behörden, die den Sinn der Frühjahrsbestellung noch immer nicht begriffen haben, werden zur Verantwortung gezogen werden.

Verdamp lang her

Eigentlich kaum zu glauben. Aber es ist wirklich 30 Jahre her. DREIßIG Jahre. Damals, als halb Halle-Neustadt und sicher auch halb Halle und überhaupt die DDR in aufrührerischer Vorfreude war. Auf DAS Konzert. SIE kommen wirklich. BAP. Keine Frage, da mussten wir alle hin. Und es gab auch Karten. Hatte der Jugendclub besorgt. Wenn ich mich recht erinnere. Vorher wurden T-Shirts bemalt, Texte gelernt und in nächtlichen Dauer-Aktionen versucht, zu übersetzen. Von Kölsch ins Deutsche. Das war nicht einfach. So ganz ohne Verbindungen „noh Kölle“. Aber irgendwie ging es. Einer war besonders gut darin, unser Freund Sven hörte sich die Songs immer und immer wieder an. Bis irgendwann auch der letzte Text übersetzt war. Aktuell war damals, glaube ich, Zwesche Salzjebäck un Bier. Vorher hatten wir natürlich schon all die anderen Platten gehört. Wolfgang Niedecken`s BAP rockt andre kölsche Leeder. Affjetaut. Für usszeschnigge. Von drinne noh drusse.

Irgendeiner hatte die Platten. Ich glaube, Sven hatte sie. Alle. Und damit hatten wir sie alle auf Kassette. Oder Tonband. Egal. BAP war BAP. Ob auf Platte (was natürlich schon die beste variante war) oder auf Kassette. T-Shirts wurden gemalt. Auch von Sven. Der konnte mit Textilfarben und Talent „echte“ BAP-T-Shirts malen. Ich hatte mir damals aus einer alten, zerissenen schwarzen lederhose die Buchstaben so ausgeschnitten, wie man BAP schrieb. Und immer noch schreibt. Und dann auf eine ebenfalls selbst (von Mutti) geschneiderte Jeansweste genäht. Das war was. BAP-Schriftzug auf ner Jeansweste. Wenn ich auch heute glaube, dass die Weste von vielen belächelt worden ist. Damals. Aber egal. Ich hatte eine BAP-Weste. Und dann kamen sie nicht. Deshalv spill mer he. Und alles war vorbei. Am Abend des Konzertes haben wir dann vor dem Konzertsaal gesessen und Kerzen angezündet. Bis die Vopos kamen.

Sechs Jahre später dann war ich auf einmal Journalist. Von heute auf morgen. Vom Schlosser zum Schreiber. Freischaffend vorerst. Und hatte auf einmal Kollegen, die fast alle aus Köln kamen. Mein Chef damals Rudi. Der war erstaunt, dass ich BAP so gut kannte. Und lud mich ein. Nach Köln. Und organisierte dort ein Treffen mit BAP. Im Chlodwig-Eck. In der Südstadt (kannte ich ja schon, aus der Ferne: Südstadt verzäll nix) Wirklich? Ich treffe BAP? Kann nicht sein. Doch, du machst das schon. Mach ein Interview. Dann sehen wir weiter. Ich war im Chlodwig-Eck. November 1990. BAP war nicht da. Nicht vollständig. Aber Wolfgang Niedecken war da. Und Major Heuser. Ein Interview ist es nie geworden. Zu aufgeregt war ich als Neu-Journalist. Als Ossi im Westen. Aber der Abend – unvergessen. Kölsch bis zum Abwinken. Und erzählt (verzällt) haben wir bis zum Abwinken. Besonders über das Konzert. Das nie stattgefunden hatte. Wir holen das nach. Hatte Wolfgang damals versprochen. So war es dann auch. Zwei Monate später. Am 14. Januar 1991 in der Erfurter Thüringenhalle. Und auch das ist schon wieder 23 Jahre (verdamp lang) her.

Aktuelles von BAP gibt´s hier.

Wie viele von denen ham noch nichemal jeklächt

Das musste mal gesagt bzw. gepostet werden. Danke an Steffen. Und natürlich an Herrn Waldemar Schmidt aus Merseburg.

Dschungelcamp: Psychologische Kriegsführung

P1050577Was hätte wohl die Abteilung Agitation und Propaganda der Bezirksleitung Halle der SED zum Dschungelcamp gesagt? Ich habe es gefunden, in einem Agitationsblättchen von 1967. Eigentlich geht es um guten Fernsehempfang und ob Mopeds diesen stören können oder nicht. Aber natürlich durfte damals eine entsprechende Einleitung nicht fehlen:

  • Werte Genossen! Die Abteilung Agitation und Propaganda der Bezirksleitung Halle der SED gab Euch in zwei Argumentationen: „Westfernsehen und Westfunk – Gift oder Unterhaltung“ und „Gift aus dem Äther“ Hintergrundinformationen über die Rolle dieser westlichen Massenmedien im System der psychologischen Kriegsführung des westdeutschen Imperialismus und Militarismus. Wir wiesen damit den ideologischen Schaden nach, der durch ideologische Diversion unserer Arbeiter- und Bauern-Macht und der gesamten gesellschaftlichen Entwicklung zugefügt werden soll. Unsere heutige Argumentation  soll Euch, ausgehend von den beiden Grundsatzargumentationen, unterstützen, um allen Bürgern unseres Bezirkes bei der Sicherung eines guten Empfanges der Sendungen des Deutschen Fersehfunks (DFF – Berlin Aldershof) zu helfen.

Im Propaganda-Heftchen wird dann genau erklärt, in welche Richtung man seine Antenne auszurichten hatte. Und wie man einen Antennenwald auf dem Dach verhindern kann – nämlich mit Gemeinschaftsantennen. So heißt es dort:

  • In Halle-West entsteht eine neue Chemiearbeiterstadt. Wie würde das Bild dieser Stadt mit ihren Hochhäusern aussehen, wenn jeder Bewohner seine eigene Antenne aufs Dach bzw. an die Wand des Gebäudes pflanzt?  Jeder wird verstehen, daß unsere moderne Baukultur mit ihren vielgeschossigen Gebäuden diese Handlung nicht zuläßt.

Und natürlich gab es auch noch den entsprechenden Hinweis zum Umgang mit den „ungeschützten“ Zündspulen der Mopeds:

  • Je weiter die Antenne von der Verkehrsstraße entfernt angebracht wird, um so weniger haben Kraftfahrzeuge die Möglichkeit, den Fernsehampfang zu stören.