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Mail-Osung

1-mai-plakatGespräch am 1. Mai 2013 (morgens) auf einer Parkbank in Pankow.

Jib ma noch n Bier rüba. Danke. Sach ma, weeßt Du wat ne Mail-Osung ist? Wat meinst Du? Na, eene Mail-Osung. Nie jehört. Wo hastn dit her? Stand uff nem Plakat. Mail-Osung? Ja. Mail-Osung. Sicher? Sicher. Weeste noch, wo? Ick gloob bei die Antifa. Jestan ahmd. Da stand uff dit Plakat: Unsare Mail-Osung heeßt soundos. Ach so. Was, ach so? Na dit is keene Mail-Osung, hat nüschd mit E-Mail zu tun. Die meinen eene Mai-Losung. Der Mai. Der Monat. Und die Losung. Vasteh ick nich. Wat vastehsten nich? Na Mai-Losung. Wat soll dit sein. Na, ne Losung. Zum ersten Mai, n Spruch, ne Parole. Ach soooo. Parole. Und warum schreibn se dit nich? Parole? Weeß ick nich. Na jut. Prösterchen! Prösterchen!

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Das ist das Mindeste

Es war laut. Sehr laut heute früh in der S-Bahn. Ausgerechnet heute. Nach dem langen Abend im Café Garbaty gestern. Mit dem guten tschechischen Bier. Da simmer dabei, dat is prima. Haben sie gesungen. Nein, gebrüllt haben sie es. Heute früh in der S-Bahn. Mein Hirn war aber noch nicht online. Ich konnte die Zeilen nicht zuordnen. Wohl auch, weil die Brüller hinter mir saßen. Was wollen die bloß? Auch beim Refrain sollte sich keine logische Verbindung zwischen Lied, Text und Ereignisort beziehungsweise Datum/Tag einstellen. Viva Colonia. Brüllten nun noch ein paar mehr mit im Chor. Viva Colonia. Irgendwann, irgendwo hatte ich das schon einmal gehört. Da mein Hirn jedoch immer noch in der Ladestufe verharrte, nahm ich mein Smartphone zu Hilfe. Dazu ist es ja schließlich da. Um all die trunkenen Hirne am frühen Morgen zu ersetzen.  Oder zumindest, ihnen Unterstützung zu bieten.

Viva Colonia. Ein Lied von den Höhnern aus Köln. Neukölln? Nee, Köln. Colonia eben. Ach, richtig. So ein Karnevalsong, der dort jedes Jahr und immer wieder geträllert wird. Und, so steht es im Internet geschrieben, sagt mein Smartphone, sogar auf dem Münchener Oktoberfest sei das Lied der Hit. Nun gut. Aber warum brüllen diese Deppen oder Jecken oder wer auch immer sie sind, das Lied morgens in der S-Bahn? Zwischen Alex und Zoo? Während mein Hirn in der Vorstufe zum logischen Denken nach Zusammenhängen suchte, gab es Befehl an die Beine. Ich setzte mich um. Weiter weg von den Brüllern und dafür aber mit dem Gesicht zum Volke. Und nun offenbarte sich mir, wer sich da dem Brüllen eines in Bayern erfolgreichen kölschen  Liedes in Berlin widmete. Dre junge Frauen und ein Typ. Schätzungsweise Anfang 20. Oder jünger. Oder älter. Wie auch immer. Mein Hirn signalisierte: Weg hier. Raus. Aussteigen. Dann wieder: Sitzenbleiben. Wir sind noch nicht am Ziel. Was also machen? Das Gebrüll und den Anblick ertragen? Oder Aussteigen und zu spät zur Arbeit kommen?

Ich blieb sitzen. Ertrug den Anblick. Den Anblick der Brüllgruppe. Die eine Brülldame hatte einen rasierten Schädel. Zur Hälfte. Die andere Hälfte voller bunter Haare. Ungewaschener Haare. Die zweite mit John-Lennon-Brille. Und Igelhaarschnitt. Ein weiteres Brüllmädchen saß im Abteil gegenüber. Allein. Weil neben ihr niemand mehr Platz gefunden hätte. 150 Kilo. Schätzungsweise. In kurzen Hosen. Zu engen und zu kurzen kurzen Hosen. Mein Hirn signalisierte: Weg. Bloß weg hier. Raus. Doch noch fünf Stationen bis zum  Zoo. Der Dicken gegenüber der Typ. Der Brüllaffe. Das komplette Gegenteil. 50 Kilo. Höchstens. Ein Kreuz wie  Zaunlatte. Aber Schnauzbart. Und Rucksack. Und große Fresse. Viva Colonia. Wir leiben das Leben, die Liebe und die Lust. Brüllt er. Wir glauben an den Lieben Gott und ham auch immer Durst. Geht es weiter. Ja. Genau so sieht er aus. Liebe und Lust. Eher wie Krise und Frust.

Aber warum nur sangen die das Lied? Mein Hirn war inzwischen zu 50 Prozent gefechtsbereit und versuchte nun Lied, Ort, Datum und vor allem Brüllgruppe unter ein Dach zu bringen. Der Karneval war es nicht. Oktoberfest? Auch nicht. Der 1. Mai? Der 1. Mai. Der musste es sein. Aber warum Viva Colonia? Ich hab es nicht herausgefunden. Nur zwei Dinge wurden auf der Fahrt bis Zoo noch klar. Nämlich was die Gruppe außer dem Brüllen noch verband. Erstens: Alle waren noch nie einer geregelten Arbeit nachgegangen. Und zweitens: Sie waren unterwegs zur 1. Mai-Demo des DGB.  Motto: Das ist das Mindeste. Zu Gast: Die Band Ruhestörung. Viva Colonia.

„Aaaaaus Gggggötz!“

Demo ist nicht ihr Ding. Sie halten sich da besser raus. Gibt es doch am 1. Mai auch Schöneres als sich mit Polizei und den Linken rumzuschlagen. Sie sitzen vor der Dönerbude in Pankow. Beim Türken. Weit genug weg von den Demonstrationen, aber immerhin im gleichen  Stadtbezirk. Einer mit Glatze und Londsdale-Shirt. Vor sich ein tschechisches Bier.

Der zweite versteckt ein T-Shirt mit Eisernem Kreuz unter einer lila Joggingjacke. Die dreckigen Füße in den ausgelatschten Sandalen bräuchten mal etwas Pflege. Der dritte im Bunde ist der Kleinste von den dreien. Er hat einen Hund und einen Sprachfehler. Und weil die Promenadenmischung die ganze Zeit nur weg will, wird der Hund ständig mit einem „Aaaaus! Gggggötz!“ zur Raison gerufen.

Die drei jungen Herren spielen Skat. Mit französischem Blatt. „Aaaaaaachzehn“, sagt der Kleine. „Ha ick“, antwortet Lila Jacke. Der Kleine mischt die Karten in der Hand neu, schaut ins Blatt und sagt zackig „Zwanzich“. „Na jeht doch“, sagt Lila Jacke, „warum mussten sont imma so rumstottan.“ „Nu ärja ma den Kleenen nich“, mischt sich Glatze ein und ruft „Achmed, bring ma noch drei Tschechische!“

Der Kleine nimmt den Skat auf, drückt zwei Karten weg und legt die Karten offen auf den Tisch. „Null oooooovert“, sagt er grinsend während er „Götz“ an der Leine zu sich ranzieht. „Mensch, son Scheiß“, sagt Lila Jacke. „Null, dit hätte da Führa vaboten, son Drecksspiel.“ „Nnnnnna uuuuuuund. Spiel iiiis Spiel“, sagt der Kleine. „Dddddddu kkkkkommst raus“. Lila Jacke kratzt sich erst zwischen den Beinen, dann am Kopf. „Dit kannst vajessen. Da hamma keene Changse“, und wirft die Karten auf den Tisch.

Zum Entsetzen von Glatze. „Biste jetze total behämmat oda wat. Siehste nich die blanke Achte da? So wat Blindet aba och. Mit sowat kömma keene Krieje jewinn.“ Sagt es und haut Lila Jacke mit der flachen Hand auf den Hinterkopf. „Aua“, sagt Lila Jacke. Und: „Ick wollte eh uffhörn. Muss noch zu Muttan, jibt sons wieda Ärja wenn ick zu spät komme.“ Steht auf und wankt davon.

Währenddessen ist der Dönerverkäufer rausgekommen und hat dem Hund eine Schale mit Döner-Resten hingestellt. „Geht aufs Haus“, sagt er akzentfrei und geht wieder hinter seinen Tresen zurück. „Sssssiehste“, sagt der Kleine zum Hund, „eeeees jibt oooooch jute Tttttttttürken.“ Während aus der Ferne die Polizeisirenen heulen nimmt Glatze noch eine Schluck aus der Tschechenpulle, sieht erst den Kleinen und dann den Hund an.

„Son Quatsch ha ick noch nich jehört. Der is vielleicht jut zum Hund, aba nich jut. Und außadem: Wie kannste denn um Jottes Willn dem Hund Döna zu fressen jebn? Wenn das da Führa wüsste.“ Glatze steht auf, geht zum Straßenverkaufsfenster vom Imbiss und ruft „Achmed, zahlen!“ Der Dönerverkäufer kommt vor und sagt: „Zwei mal Döner, eine türkische Pizza, sechs Pilsner Urquell, mach 16.40.“

Dann doch lieber brennende Fackeln

Alle wollen sie dabei sein. Die Linken, die Rechten, die Grünen, die Roten, die Schwarzen, die Gelben, die Armen, die Reichen, die Gewerkschafter, die Verbände, die Studierenden, die Arbeitenden, die Nicht-Arbeitenden, die Prominenten, die Abgeordneten, die Kulturschaffenden, die Bullen und jetzt auch noch die Konförderation der unterdrückten Migranten in Europa. Alle wollen zur Demo am 1. Mai. Alle wollen nach Berlin. Alle wollen sie laufend demonstrieren und sitzend blockieren, rufend skandieren und alle Gegner sabotieren.

Warum nur? Ich meine, ist es nicht schon schlimm genug, dass in diesem Jahr der erste Mai ein Sonnabend ist? Also dass all den fleißigen Werktätigen ein Feiertag geklaut wird? Ein Tag, an dem man gemütlich vor seiner Laube oder auf seinem Balkon sitzen könnte und sollte. Ein Tag, wie gemacht, für ein paar Stunden mit Freunden im Biergarten. Oder wie bei uns damals.

Als die Demonstration zum 1. Mai inklusive „Der Sozialismus wird siegen“-Losungen noch Pflicht war. Was aber, zumindest uns, nie interessiert hat. Wichtig war, dass man sich frühmorgens am Aufstellungsort sehen ließ. Der Anwesenheitsliste wegen. Einmal dort abgehakt, war es die Demo auch. Wenn sich dann die Marschreihen in Bewegung setzten, haben wir uns verpisst. Auf die Peißnitz zum Beispiel. Haben dort den ganzen Tag Skat gespielt. Oder Tischtennis. Dabei Hallesches Helles getrunken.

Und heute? Jetzt muss man fürchten, auf dem Weg in den Biergarten entweder den einen oder den anderen Vollidioten über den Weg zu laufen. An jeder Kreuzung muss man darauf achten, dass man nicht von links oder rechts angefahren wird. Oder angezündet. Sogar Fußballspiele in den Regionalligen werden an diesem Wochenende erstmals am Sonntagabend ausgetragen. Damit genügend Bullen aus Hamburg und Sachsen-Anhalt in Berlin auf links und rechts einprügeln können. Manche von denen freuen sich schon darauf, tuschelt man in den Hundertschaften. Und: Diese ganze Vollidioten-Prügelei soll in diesem Jahr auch noch in Pankow stattfinden. Da müssen wir wohl auch noch unsere Autos umparken, weil sie sonst abgefackelt werden. Auch das ist anders. Damals brannten maximal die Fackeln der FDJler beim Umzug. Aber die waren zu jener Zeit wenigstens weit von uns entfernt.

Revolution in Karow

 

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Ansagen werden hier schon lange nicht mehr gemacht. Das Häuschen der Bahnsteigaufsicht am S-Bahnhof Berlin Karow steht leer. Sich selbst und den Fahrgästen überlassen, verkommt es immer mehr. Auch geht hin und wieder mal eine Scheibe zu Bruch. Nachts, wenn die angetrunkene Jugend aus der City ins beschauliche Noch-zu-DDR-Zeiten-gebautes-Einfamilienhaus-Karow zurückkehrt. Oder auch manchmal am Tag. Normal in Karow und auf allen anderen Aufsichtslosen Bahnhöfen.

Nicht jedoch am 2. Mai. Da ist eine zerbrochene Tür-Scheibe natürlich nicht normal. Denn in der Vornacht war ja schließlich Revolution in Berlin.  Die Schlacht am 1. Mai. In Kreuzberg und Friedrichshain. Und in Karow. Ganz sicher. Hier, zwölf Kilometer oder 40 Minuten S-Bahnfahrt entfernt vom Epizentrum der Krawallnacht.

Es ist Sonntagfrüh. Ein Ehepaar und eine Frau, alle um die 70, warten in Karow auf die S-Bahn Richtung Innenstadt. Da entdeckt das Ehepaar die Glasscherben neben dem Aufsichtshäuschen. Sagt sie: „Wilhelm, kiek ma, schon wieda hamse die Tür zertrümmert. Diese Vollidioten.“ Sagt Wilhelm: „Und die janzen Kippen hier. Man sollte dit allet verbieten. Kippe uffn Bahnsteig, fuffzich Euro Strafe. Scheibe einschlagen, tausend Euro.“

Da mischt sich die auf dem Bahnsteig alleinstehende Frau ein: „Dit waren bestimmt die Krawallos. Die Chaoten. Janz Kreuzberg hamse in Schutt und Asche jelegt. Und jetze kommen die och noch hierher. Eine Schande ist dit. Kriminelle bei uns hier, eine Schande.“

Wilhelm schüttelt mit dem Kopf. „Recht hamse. Wenn ick die schön höre. Revolutionäre nennen sich die. Dit sind Kriminelle, einjesperrt jehörn die alle. Kurzer Prozess, ohne Gnade. Und unter uns: Vor 89 hätte es das nicht jejeben.“ Antwortet seine Frau:  „Ja Wilhelm, vor 89 habt ihr ja och noch für Ruhe und Ordnung jesorgt.“ Sagt die andere Frau: „Damals gab es auch noch die Bahnsteigaufsicht. Und keen Krimineller hätte es jemals auch nur jewagt hier in Karow zu randalieren.“

Hinter den Dreien scheppert es. Ein Mann mit orangefarbener Jacke und Besen und Schaufel macht den Bahnsteig sauber. Er fegt auch die Scherben der zerbrochenen Scheibe weg und sagt in die Runde: „Da bin ick vorhin aus Versehen mit dem Besen dranjekommen und da ist die Scheibe zu Bruch jejangen.“ Die drei drehen sich weg. Und Wilhelm sagt: „Aba die Kippen hier, die sind bestimmt von die kriminellen Revultionäre.“

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