Schlagwort-Archive: Pankow

Buch

Liebe bpb-Leser, heute mal ein Post in eigener Sache. Sicher ist es einigen schon aufgefallen, manche haben mich auch angeschrieben bzw. angesprochen: Es ist ruhiger geworden auf meinem Blog. Ich poste nicht mehr soviel wie zu Beginn oder noch vor zwei Jahren. Das alles hat natürlich seinen Grund: Ich habe ein Buch geschrieben. Nun, das können sicher viele von sich behaupten. Nicht ganz so viele haben jedoch einen Verlag, der ihr Werk verlegt. Das nun wieder kann ich von mir behaupten. Am 23. Juni 2017 habe ich meinen Publikationsvertrag bei Periplaneta unterzeichnet. Das freut mich natürlich sehr. Auch oder gerade weil das Team des Verlages einfach nur grandios ist, weil der Verlag um die Ecke zuhause ist (15 Minuten Fußweg von daheim), weil der Verlag mir viele Freiheiten lässt, u.a. selbst organisierte Lesungen und mehr.

Der Titel des Buches? Kann ich noch nicht verraten, da der Titelschutz noch nicht durch ist. Worum geht´s? Es ist ein Thriller, der hauptsächlich in Berlin spielt. Es geht um Überwachung, korrupte Beamte und geheime Forschungen in nicht ganz legalen Laboren. Dazu aber später mehr an dieser Stelle.  Angepeilte Premiere des Buches, dass dann in der Totengräber-Edition des Verlages erscheinen wird, ist der Dezember, also „bald schon“. Spätestens Weihnachten kann jeder Interessiere das Buch lesen. Bis dahin wird es an dieser Stelle aber noch so manches Update geben…

 

Hupe, Schlau Schlau & die Anderen

Der Florakiez ist gleich um die Ecke bei uns. Zu Fuß etwa 20 Minuten. Und doch kenne ich ihn kaum. Weil das eben so ist, wenn man in einem Berliner Kiez lebt. Wir waren schon mehrfach beim Italiener dort, auch einmal Kaffee trinken. Ansonsten bin ich selten dort, ja, ich meide sogar diesen Teil Pankows. Das hat mehrere Gründe. Hauptsächlich aber wohl liegt es an den aufgesetzten Straßencafés dort. Die wollen alle so cool und hip sein (es gibt Cafés nur für Mütter und Kinder dort. Seitdem überlege ich ständig, ob ich nicht ein Väter-Söhne-Café aufmachen sollte). Eins haben jedenfalls alle Cafés dort gemeinsam: Ordentlichen und guten Kaffee können sie nicht zubereiten. Einige verwechseln sogar die Bezeichnungen. Man bekommt einen Milchkaffee als Latte Macchiato oder der bestellte doppelte Espresso Macchiato entpuppt sich als kleiner Kaffee mit Milch. Und überhaupt – irgendwie hat sich die Florastraße und Umgebung zum kleinen Prenzlauer Berg Alt-Pankows entwickelt.

Aber darüber wollte ich gar nicht schreiben. Eine Buchvorstellung hat uns mal wieder dorthin verschlagen. Im Jugendzentrum Pankow, kurz JUP, las neulich  Johannes Krätschell aus seinem Buch „Herr Schlau Schlau wird erwachsen“ (Buch & MP3-CD, Hardcover, 178 S./104 min. 20,6×13,5 cm, ISBN: 978-3-95996-030-4, Edition Periplaneta). Er las das dort, weil in den Räumlichkeiten sich einst das „Stilbruch“ befand, des Autors früheres Schülercafé und somit auch Teil-Schauplatz seines Erstlingswerkes.  Lesenswerte und kurzweilig aufgeschriebene Kurzgeschichten, die zusammen eine kleine Geschichte ergeben. Herr Schlau Schlau fliegt mit 35 Jahren bei seinen Eltern raus und erbt eine 4000-Bücher-Bibliothek. Klassischer beginn einer langen Solo-Single-Karriere, könnte man meinen.

Nicht so bei Krätschell. Sein Protagonist trifft nicht nur auf den herzensguten (und bald besten Freund) Hupe. Nein, er trifft sogar Franziska, die bald schon seine Freundin werden soll (die Leute, die ich kenne, die mit 35 noch bei Mutti wohnten, haben heute noch keine Freundin). Und dann ist da noch Enrico – Hupes Sohn, der Holger aus dem Paket-Zeitungs-Shop, Herr Sobkowski und dessen Shop sowie weitere Freunde der Protagonisten. Sie alle vereint der Kiez und das Leben im Jetzt. Das Wohnen im Kiez ist nicht mehr billig und die Gäste in Geschäften und Kneipen ändern sich und somit ändert sich auch das Kiezgesicht.

Es sind Geschichten zwischen Herbst und Sommer, zwischen Bürgerpark und Florastraße, zwischen Lachen und Weinen. Zusammen eine wunderbare Erzählung von Freundschaft und den Kräften, die nur Freunde bei einem selbst und bei anderen freisetzen können. Prädikat: unbedingt lesenswert.

Unbedingt hörenswert sind übrigens die Lieder von Bastian Mayerhofer, der an jenem Abend im JUP die Geschichten von Krätschell perfekt ergänzte.  Die Lieder Mayerhofers zu beschreiben würde jeden Blogpost sprengen. Seht selbst:

Zehn Jahre berlinpankowblogger

Irre. Unglaublich. Nicht zu fassen. So etwa dachte ich neulich, als mir bewusst wurde, dass mein Zehnjähriges näher rückt. Nun ist es soweit: Heute vor zehn Jahren ging berlinpankowblogger online. Wahnsinn. Zehn Jahre, in denen viel passiert ist in der Welt, in Deutschland, in Berlin. Zehn Jahre, in denen sich mein Blog entwickelt und gewandelt hat. Bevor ich anlässlich dieses Jubiläums ein paar Statistiken posten möchte – Vielen Dank allen Lesern und besonders den Stammlesern, die mir die Treue gehalten haben!

Zehn Jahre berlinpankowblogger – das sind knapp 400.000 Besuche, also im Schnitt etwa 40.000 pro Jahr. Wobei es klein anfing. 2007 freute ich mich über 1843 Besuche, ein Jahr später waren es schon 18.738. So steigerte sich das weiter bis zu 80.000. Pro Tag kommen hier zwischen 150 und 500 Leser vorbei. Ich habe 1307 Beiträge verfasst, eine Liste der Top 10 steht unten. Wie viel ich inzwischen über Reisen poste, zeigt die Topliste der Suchwörter, mit denen mein Blog gefunden wurde: Platz eins geht an New York (12.159 Suchanfragen), zwei an San Francisco (6108), Rang drei an „Regenbogen“ (3045). Insgesamt gab es 175.432 Suchanfragen im Netz, die hier endeten.

"New York" - über 12.000 Leser fanden mit diesem Suchwort zu meinem Blog

„New York“ – über 12.000 Leser fanden mit diesem Suchwort zu bpb

In den Jahren habe ich insgesamt fünf Designs bzw. WordPress-Themes ausprobiert, das aktuelle gibt es jetzt unverändert seit sieben Jahren. Ich habe 943 Follower, die Hälfte hier per RSS-Feed, die anderen bei Facebook und Twitter.  Als ich anfing, hieß das noch Weblogbuch und eigentlich sollte Block330 mein Hauptblog werden. Nun, es ist anders gekommen. Zu meiner Medien– ähm Blog-Gruppe gehören außerdem noch der berlinpankowknipser und seit einem Jahr das Online-Magazin Yachtblog – mein neuestes Projekt, das ich gemeinsam mit einem Freund betreibe. Hier aber nun ein Prosit! sowie die Top 10 der bpb-Leser:

  1. Kannst Du „Als ich wie ein Vogel war?“
  2. Freitags
  3. Kasse mit 465
  4. Ins linke Licht gerückt
  5. Als Penner
  6. Food Koop – Shoppingparadies & Arbeitshölle
  7. Radulf-Kevins Kinderkotze
  8. …und keiner fragt nach Bruno Gröning
  9. Badekappe Pflicht
  10. Ich bin so wild nach deinem Erdbeerhof

Fellfressen im Kniebundstyle

Es muss irgendwann in den letzten Monaten passiert sein. Unbemerkt von den meisten. Oder auch nur von mir. Früher jedenfalls, wobei früher soviel wie „bis vor wenigen Wochen“ heißt, kamen mir in der erweiterten Nachbarschaft – also z.B. am Kollwitzplatz, in der Schönhauser Allee, auf der Wisbyer Straße – junge Väter entgegen, die einen Kinderwagen vor sich her schoben. Manchmal mit, manchmal ohne Frau. Immer öfter ohne. So kam es mir jedenfalls vor. Sie (die Väter) trugen Jeans, teure Turnschuhe. Manche hatten auch diese schwarzen oder braunen Lederschuhe an, nach Maß gefertigt in London. In der Jeans steckte ein hellblaue/weiß gestreiftes Hemd, oder auch nur  hellblau. Manchmal auch grün. Oder rosa. An warmen Tagen war´s dann dann auch schon, an kühleren Tagen, die es auch im Sommer immer mal wieder geben soll, hatte der eine oder andere Papa ein Jackett an, lässig über Hemd und Jeans getragen. Natürlich Schurwolle. Selbstverständlich.

Im Gesicht trugen die Väter einen lässigen Dreitagebart. Bis auf jene, die ihrer Gesichtshaut jeden Morgen eine frische Rasur gönnten.  Passend dazu schoben sie den Inglesina Classica, kurz vor der Geburt des lieben Kleinen für 1250 Euro günstig bei Ebay geschossen. Oder, besonders hier beliebt, der Domino Twin oder gar der TFK Trio Twist. So war das hier. So ist es aber nicht mehr. Jetzt verkehrt man hier dort anders. Ganz anders. Manche Exemplare machen mir inzwischen Angst. Bei einigen der – jenseits der Wisbyer ansässigen – Väter überlege ich regelmäßig, ob der Kinderwagen Fake ist. So ganz ohne Kind(er). Einfach nur so, weil´s zum Image hier passt. Die Zeit der DreitagebartOderGlattRasiertenVäter ist vorbei.

Alle tragen Bart. Richtig Bart. So einen langen Bart. Fellfresse hieß das bei uns früher. Unten Kinderwagen. Oben Bart. (Wahrscheinlich) unten rasiert. Oben nicht. Aber das ist noch nicht alles. Statt Turn- oder Maßschuhen tragen die Herren nun Travelin Trekking Boots. Oder gleich Springerstiefel. In Rot. Selbstverständlich. Ginge ja vielleicht noch. Aber warum müssen es ausgerechnet diese Hosen sein? Country Line Trachtenhose im Kniebundstyle.  Ziegenvelour Wildbock. Gibt´s wirklich. Da komm ich nicht mehr mit. Das ist nicht mehr lustig. Das retten auch Army-Tarn-Shirt und Outdoor-Softshell-Funktions-Jacke nicht mehr. Ganz im Gegenteil. Fellfressen im Kniebundstyle. Was kommt danach?

 

Echt bekloppt. Ich kauf nur Bio

echt_bio_01Ein Bioladen in Pankow. Heute kurz vor Mittag. Vier KundInnen im Geschäft. Zwei VerkäuferInnen. Eine Kundin, etwa Anfang/Mitte 30, scheinbar die Mutter der Zwillinge im Kinderwagen vor der Tür, steht mit ihrem Einkaufskorb am Verkaufstresen und packt ihre Ware zum Wiegen/Einscannen aus. Es handelt sich um fünf Äpfel, zwei Gläser Joghurt a 500 ml, eine Käsecreme im Becher, eine Flasche Rotwein und eine Packung Vollkornspaghetti. Alles Bio. Versteht sich. Das war´s für heute? Fragt die Verkäuferin. Ja. Antwortet die Kundin. Erst einmal nur das Nötigste. Für den anderen Einkauf komm ich dann nochmal. Mit dem Auto. Macht dann Siebzehnfünfundvierzig.

Ein Zwanzigeuroschein geht über den Tresen während Mutti die Sachen in eine Tasche packt und die anderen Kunden im Laden mit einem bedeutungsvollen Rundblick begutachtet. Ja. Sagt sie. Ich kauf nur Bio. Immer! Stimmt´s? Sagt sie und schaut die Verkäuferin an, während jene ihr das Wechselgeld in die Hand drückt. Aber sicher, einen schönen Tag noch. Sagt die Verkäuferin. Mutti geht hinaus, packt die Tasche in den Korb des Zwillingskinderwagens und entschwindet den Blicken der Zurückgebliebenen. Nun kann auch ich meine Eier und mein Hafer Krunchy Pur bezahlen.

Eine Viertelstunde später im Discounter 150 Meter weiter. Ich warte, dass ich endlich meine Ware aufs Kassenlaufband packen kann. Denn das ist voll mit dem Einkauf der Dame vor mir. Ich achte nicht weiter darauf. Erst als sie bezahlt – dreiundsechzig Euro und siebzig Cent – schaue ich auf. Die Frau schiebt einen Zwillingskinderwagen vor sich her, in dessen Korb eine Tasche mit ein paar Bio-Artikeln liegt. Es ist die Ich-kauf-nur-Bio-Mutti von eben. Sie ist dabei, einen Wochenend-Familien-Nichtbio-Einkauf in den Kinderwagen und zusätzlich noch in drei soeben erworbene Plastiktüten zu packen.

Vor dem Discounter beobachte ich noch, wie sie den Einkauf und am Ende die Kinder samt Wagen in einen fetten SUV lädt. Am Heck prangt neben einem Nichtberliner Kennzeichen über vier Auspuffrohren: Echt Bio. Echt bekloppt würde wohl besser passen.

Bester Baumschmuck 2015

Das ist mein Lieblingsbaumschmuck in diesem Jahr

Mein Lieblingsbaumschmuck in diesem Jahr

Ein neu gepflanzter Baum vor unserem Haus trägt einen tollen Schmuck

Ein neu gepflanzter Baum vor unserem Haus trägt ein kleines aber tolles Schild

Ein Abend mit Dresen, Prahl & Ehle und (leider) mit Gundi-Fans

Es hätte so ein richtig schöner Abend werden können. War´s ja auch. Eigentlich. Muss ja auch. Bei diesen Musikern auf der Bühne kann eigentlich nichts schief gehen. Neben Regisseur Andreas Dresen und Schauspieler Axel Prahl, die seit dem 10. Todestag-von-Gundermann-Konzert in der Columibiahalle zusammen spielen, waren Pankow-Gitarrist Jürgen Ehle, Tobias Morgenstern, Judith Holofernes, Hans-Eckard Wenzel und Gisbert zu Knyphausen mit von der Partie. Allein schon des virtuosen Spiels Jürgen Ehles wegen hätte sich der Weg ins Kesselhaus der Kulturbrauerei gelohnt. Natürlich gab es Gundermann-Lieder. Linda (Dresen), Vater (Prahl), Fährmann (Dresen), Brunhilde (alle) und viele andere mehr. Aber es gab eben auch Songs von Prahl. Und von Wenzel und auch von Knyphausen, ja, und auch Frau Holofernes hatte eigene Songs dabei. So war das geplant. So war´s gut. Wären da nicht diese Gundi-Fans gewesen. Weiblich, ledig, jung. Naja, nicht mehr ganz so jung. Mit (schlecht) nachgemachten Fleischerhemden aus dem Westen. Mit West-Jeans. Mit Fielmann-Nickelbrille. Die der Meinung waren, sie hätten Tickets für ein Gundermann-Gedächtnis-Konzert mit Gundermann-Liedern erworben. Und weil sie das dachten, skandierten sie jedes Mal, wenn auf der Bühne kein Gundermann-Lied lief, „Gundi, Gundi, Gundi“ im Chor und lauthals. So hatte ich mir bis dato Pegida vorgestellt: Keine Ahnung aber meckern.

Ich (und andere) haben es ihnen dann gesagt: Hallo, hallo? Hallo! Das ist hier kein Gundermann-Konzert. Sondern ein Konzert von Musikern anlässlich des 60. Geburtstages von Gundermann. Nirgendwo steht geschrieben, Dresen und Prahl singen Gundermann. Weder auf den Tickets, noch auf Plakaten, noch sonst irgendwo. Nirgendwo. Aber sie ließen sich nicht belehren. Gundermann würde sich angesichts solcher Fans im Grabe rumdrehen. Ich hab mich dann woanders hingestellt. Und da kam es dann noch schlimmer: Ein von denen stand dort und versuchte krampfhaft zu Gundermanns „Kommen und Gehen“ die zweite Stimme zu singen. Ganz schlimm. Klang n bisschen wie Oktoberclub. Hab ich ihr dann auch gesagt. Hat sie geantwortet: Kann ja gar nicht sein. Bin ich viel zu jung für. Ach? Zu jung? Da wurde mir einiges klar.

prahldresen01 prahldresen02 prahldresen03 prahldresen04 prahldresen05 prahldresen06 prahldresen07 prahldresen08 prahldresen09Fotos: berlinpankowblogger

Das. Letzte. Mal.

Ein Supermarkt in Pankow an einem Mittwochvormittag im November. Ich brauch noch ein paar Zutaten fürs Mittagessen und für das Abendbrot. Spaghetti, frischen Knoblauch, Weintrauben, Joghurt pur, Salat, Hühnchenbrust. Viel Zeit habe ich nicht, da ich am Nachmittag noch einen Termin habe. Glücklicherweise ist es nicht voll, ich bin Nummer fünf in der Schlange. Alle anderen vor mir haben jeweils nur wenige Artikel aufs Band gelegt. Sollte also schnell erledigt sein.

Die Nähe zum Prenzlauer Berg macht sich hier inzwischen nicht mehr nur durch die Tatsache der geografischen Nähe bemerkbar, sondern auch am steigenden Vorkommen Klischee behafteter Muttis. Um die 30, immer wichtig, Strickrock-Über-Jeans, Jacke vom Designer (oder aus dem Second Hand oder aus der Altkleiderbox – genau kann man das nie sagen oder wissen), Brille mit buntem Gestell und – natürlich – Kinderwagen mit Kind. Xplory Buggy heißen diese Dinger, hab ich herausbekommen.

Sie also ist auch im Supermarkt, ich hatte sie gerade schon am Gesmüsestand gesehen, als sie verschiedene Sorten Weintrauben verkostet und diverse Mangos mit ihrem Daumen eingedrückt hatte. Schon mein erster Grund für ein kleine Packung Hass – Weintrauben kommen heute also nicht auf den Speiseplan. Schließlich hat sie fast in jede Kiste gegrapscht. Weiß ich, wo sie vorher mit ihren Fingern war? Windeln gewechselt? Aber gut, dann eben ohne Trauben.

Nun stehe ich also an der Kasse, als sie auf einmal neben mir steht. Sie versucht, Xplory zwischen der Frau vor mir und mich zu schieben. Wobei sie mit einem Kopfnicken auf die beiden Artikel zeigt, die sie in der einen Hand hält: Eine eckige Tüte laktosefreie Milch und eine runde Packung Mix-Dir-Dein-Bio-Müsli-Selbst. Darf ich? Fragt sie, als ich eigentlich schon keine Chance mehr für Gegenwehr habe, da ich dem Schutz meiner Füße wegen schon vor Xplory etwas zurückgewichen bin.

Ja Bitte. Sage ich. Zwei Artikel. Denke ich. Dachte ich. Als Xplory-Müsli-Mutti auf der Höhe des Artikel-Transport-Bandes ankommt, kommt aus einer Tasche an ihrem Xplory doch noch der eine oder andere Artikel zum Vorschein: Weintrauben, Mangos, Möhren, weitere Packungen Milch, weitere Packungen BioMüsli zum selbst auskotzen und alles andere, was man so für eine Familie in der Woche kauft. Ich bin kurz sprachlos, bekomme dann ein Ähm heraus, worauf sie mich anschaut und genervt Was denn? sagt. Unglaublich. Was soll ich tun? Prügel wären jetzt angebracht. Ich tu es nicht. Weiß aber genau: Das. War. Das. Letzte. Mal. Nie. Wieder. Lass. Ich. Eine. Kinderwagen. Mutti. Vor. Nie. Nie. Wieder.

 

 

Deutsche Post. Kein Sommermärchen

Ich dreh mich noch einmal um, bevor ich dran bin. Doch da ist nichts Auffälliges zu sehen. Ich seh an mir herunter, checke meine Kleidung: dem Wetter angemessene Shorts, Sandaletten sowie mein rot-weiß gestreiftes Hemd. Alles wie immer also bei solchen Temperaturen. Ich komme gerade aus dem Schwimmbad, bin also frisch geduscht und somit in der Lage, anderen Menschen gegenüber zu treten, ohne sie mit Gerüchen zu belästigen. Meine Hand streicht kurz über den Kopf – auch meine Haare sind wie immer, sie stehen also nicht ab und ich habe mir auch beim Schwimmen keinen Irokesenschnitt geholt. Ganz nebenbei werfe ich noch einen Blick zur Seite, wo sich mein Ebenbild  in einer Glastür spiegelt – ich kann jedoch nichts Ungewöhnliches entdecken. Die Frau hinter mir lächelt, der Typ daneben sagt keinen Mucks. Ich selbst mache auch ein Schönwettergesicht, bin gut drauf, bei bester Laune. Ich frage höflich und dezent nach den Preisen für ein Einschreiben mit Rückschein und für ein Einwurfeinschreiben ohne Rückschein, neige dabei fragend leicht den Kopf und lächele wieder.

WARUM ALSO GUCKT MICH DIE POSTFRAU HINTERM TRESEN AN, ALS HÄTTE SIE EIN VOLLPFOSTEN IN STINKENDENR KLEIDUNG MIT DEM TODE BEDROHT?

Pankow gegen Peniswerbung

m_piss_01Der Bezirk Pankow geht mal wieder neue Wege vor allen anderen und diskutiert derzeit über sexistische Werbung sowie über ein generelles Männerbild und Rollenklischees. Badehosen-Jungen, die locker Beachvolleyball spielen, Handwerker, die in Automotoren rumschrauben, halbnackte Kerle, die sich im Bett wälzen. In der Werbung wird mit vielerlei Reizen um Aufmerksamkeit potenzieller Kundschaft gebuhlt. Werbung ist überall, an Straßen, Hauswänden, Laternen. In Pankow will man der optischen Flut wenigstens teilweise zu Leibe rücken: Im Bezirksparlament wurde am Mittwochabend über Möglichkeiten debattiert, sexistische, männerfeindliche oder allgemein diskriminierende Werbung zu verbieten.

Den Antrag hatten alle Fraktionen außer der CDU – also die Grünen, die SPD, die Linken und die Piraten – ins Plenum eingebracht. Er ist eine Antwort auf einen erfolgreichen Einwohnerantrag, mit dem eine Bürgerinitiative Werbung generell verbieten lassen wollte. Da dies von allen Fraktionen für unrealistisch gehalten wird, will man wenigstens beim Thema Sexismus eingreifen. Der Anschein sexueller Verfügbarkeit auf vielen Werbetafeln könnte zu realen Übergriffen auf Männer führen.

„Wenn ein Mann im kurzen Badehosen für Moden wirbt, ist das okay. Wenn er in Badehose für Bier oder Motorräder wirbt, ist das sexistisch“, sagte eine der BezirksverordnetInnen, die gerade nichts anderes vor hatte,  als sich mit solch einem Schwachsinn zu beschäftigen.  In der Debatte geht es generell um ein Mannsbild, das durch „begehrenswerte David-Beckham-Maße“ zu Ess-Störungen bei Jungen führen könnte. Und um Rollenklischees, die man vermeiden will, wie das des „dekorativen Heimwerkers“. Niemand der Antragsteller will, dass Jungen das Rasenmähen oder das Zusammenschrauben von IKEA-Regalen als begehrenswertes Lebensbild ansehen.

Verwirklicht werden könne das allerdings nur auf den Werbetafeln auf die das Bezirksamt Zugriff hat. Die restliche Werbung müssen Gegner weiterhin akzeptieren oder ignorieren: Für diese sind entweder der Senat oder Private zuständig.  Männerfeeindlicher Sexismus in der Werbung ist auch in der grünen Landespartei Thema. Die Delegierten stimmten beim letzten Parteitag für einen Antrag der eines männer- und geschlechterpolitischen Sprechers, in dem Partei und Fraktion aufgefordert werden zu prüfen, wie sexistische Werbung in Berlin rechtlich eingeschränkt werden kann. In dem Antrag wird die Sichtweise des Deutschen Werberates zurückgewiesen, der bei der Beurteilung eines Plakats von einem „verständigen Durchschnittsverbraucher“ ausgeht. Den gebe es nicht, argumentieren die Grünen, man müsse vielmehr die Perspektive von Kindern und Jugendlichen zugrunde legen, die ständig mit Werbung konfrontiert würden.

Der Werberat hat sich jetzt in einem Brief an die Bezirksverordneten gewandt und bedauert, dass es vor dem Antrag kein Gespräch gegeben habe. Eine Rechtsanwältin und Sprecherin des Werberates kritisierte die pauschale Einstufung von Heimwerkern als Geschlechterstereotypen: „Das diskriminiert Millionen von Männern in Deutschland.“ Produktwerbung beschränke sich in der Regel auf einen Aspekt. Bohrmaschinen, Akkuschrauber etc. kämen nun mal im Haushalt zum Einsatz. „Und um diese Arbeit kümmern sich – nach wie vor – ganz überwiegend Männer.“

Windbeutel mit Kirschen

Gerade eben beim Bäcker in Pankow (einer von denen, die noch selbst den Teig zubereiten und selbst backen). Vor dem Verkaufstresen stehen zwei Damen Mitte der 70, die sich scheinbar zum frühen Kaffeekränzchen verabredet haben. Die eine hat bereits eine Tasse Kaffee sowie einen Teller mit einem Stück Pflaumenkuchen in der Hand. Sie geht in Richtung Tisch, auf dem schon ihre Handtasche steht und fragt beim losegehen: „Und, Hannchen, was hast Du gewählt?“ Die zweite Dame schaut ihre Freundin verdutzt an. „Na, haste doch jehört. Windbeutel mit Kirschen.“

Typisch Pankow…

P1020977… keen Jeld für die Reparatur von Radwejen. Aba fürn Mond, da is imma Kohle da…

Himmelfahrt 2013

Donnerstag, 9. Mai 2013, 9 Uhr. Am SPÄTVERKAUF in der Berliner Straße in Pankow sitzen die, die immer dort sitzen. Die zwei Biertischgarnituren sind voll besetzt. An einem Tisch gibt es leichte Meinungsverschiedenheiten. SIE: Nu mach ma langsam Alta. Hast doch schon zwee Kurze wech. ER: Halt die Fresse. Sei froh, dassde übahaupt hier sitzen darfst. SIE: Ick gloob ich spinne. Wer zahlt denn dit alles hier? ER: Na Du. Von meinem Jeld. SIE: Dit gloobste doch niche ma im Suff, Alta. ER: Nu sei stille. Wir wolln hier saufen und nich diskutiern. Die andern kieken schon. Außadem weeste doch: Ick hab nur bis Mittach Zeit. SIE: Wieso bis Mittach? ER: Na am Nachmittach muss ick wieda fit sein. Wir wolln doch dann Männertach feian. SIE: Ach so. Ja. Hast ja Recht.

Mail-Osung

1-mai-plakatGespräch am 1. Mai 2013 (morgens) auf einer Parkbank in Pankow.

Jib ma noch n Bier rüba. Danke. Sach ma, weeßt Du wat ne Mail-Osung ist? Wat meinst Du? Na, eene Mail-Osung. Nie jehört. Wo hastn dit her? Stand uff nem Plakat. Mail-Osung? Ja. Mail-Osung. Sicher? Sicher. Weeste noch, wo? Ick gloob bei die Antifa. Jestan ahmd. Da stand uff dit Plakat: Unsare Mail-Osung heeßt soundos. Ach so. Was, ach so? Na dit is keene Mail-Osung, hat nüschd mit E-Mail zu tun. Die meinen eene Mai-Losung. Der Mai. Der Monat. Und die Losung. Vasteh ick nich. Wat vastehsten nich? Na Mai-Losung. Wat soll dit sein. Na, ne Losung. Zum ersten Mai, n Spruch, ne Parole. Ach soooo. Parole. Und warum schreibn se dit nich? Parole? Weeß ick nich. Na jut. Prösterchen! Prösterchen!

Tiefer Osten. Tiefer Westen. Aber eigentlich Norden

Lieber Herr Peter Müller,

in Ihrem Artikel „Die Entrückte“ über die CDU in der aktuellen Print-Ausgabe des Spiegel schreiben Sie auf Seite 27: „…Eigentlich wohnt Zimmermann im gutbürgerlichen Berliner Stadtteil Charlottenburg, doch als er 2009 in die CDU eintrat, tat er dies in Pankow, einem Bezirk weit draußen im Osten der Stadt…“

Nun, politisch gesehen mögen Sie da nicht ganz falsch liegen, sitzen doch immerhin elf Linke in der Bezirksverordnetenversammlung, Tendenz aber eher sinkend. Geografisch allerdings ist das Bockmist oder Schwachsinn oder schlichtweg falsch. Anbei eine Karte der Berliner Bezirke für künftige Reportagen, falls Sie mal wieder aus dem Osten berichten wollen, sowie die Telefonnummer Ihres Berliner Büros für nähere Information über Pankow: (030) 886688-100. Natürlich stehe auch ich gern Rede und Antwort.

berlinkarte

Danke an Anna List für den Hinweis auf Twitter